Ehrenmitglieder

Die Deutsche Gesellschaft für Audiologie hat folgende herausragende Persönlichkeiten, die sich um die Audiologie besondere Verdienste erworben haben, zum Ehrenmitglied ernannt:

Ernennung: 1999 in München

Laudatio für Prof. Dr. med. Harald Feldmann anläßlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie
Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute Sie, Herr Feldmann, zum ersten Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Audiologie ernen­nen zu dürfen.  Sie wissen, die Deutsche Gesellschaft für Audiologie ist noch eine blutjunge Gesellschaft, wir richten in diesem Jahr erst unsere zweite Jahrestagung aus, und so mag – unterschwellig – die Frage aufkeimen, ob es nicht etwas vermessen sei, zu einem so frühen Zeitpunkt schon die Würde einer Ehrenmitgliedschaft zu verleihen, zu einem Zeitpunkt, zu dem man annehmen sollte, daß die Gesellschaft selbst noch um Anerkennung ringen muß.  Das Präsidium hat sich diese Entscheidung nicht leicht gemacht, nicht etwa, weil es den geringsten Zweifel daran gegeben hätte, daß der Auszuzeichnende dieser Auszeichnung würdig gewesen sei, sondern weil zunächst Zweifel daran auszuräumen waren, ob der Zeitpunkt dafür wohl richtig gewählt worden sei. 

Nun, wir sind zu dem Schluß gekommen, daß der gewählte Zeitpunkt nicht verfrüht ist – die rasante Entwicklung unserer Gesellschaft ist ein unverkennbares Indiz.  War es zum Zeitpunkt der Gründung vor etwas mehr als zwei Jahren noch ein kleines Häuflein der 44 Aufrechten, so hat sich die Zahl der Mitglieder inzwischen auf über 250 erhöht.  Auch die große Zahl von Teilnehmern und Ausstellern auf dieser Jahrestagung ist unübersehbar. 

Die Tatsache, daß die Entscheidung über das erste Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Audiologie auf Professor Harald Feldmann fiel, bedarf wohl keiner Begründung. Der Name Feldmann ist wie kein anderer mit der Entwicklung der Audiologie in Deutschland verbunden.  Und so ist es sein wissenschaftliches Lebenswerk auf dem Gebiet der Audiologie, das uns veranlaßt hat, ihm diese Auszeichnung zukommen zu lassen.  Dieses Lebenswerk auf dem Gebiet der Audiologie begann, wie manchen unter Ihnen vielleicht nicht geläufig sein mag, mit seiner Dissertation, einer experimentellen Arbeit über das Rhythmusempfinden Gehörloser und Normalsinniger an der Freien Universität Berlin, die mit dem Prädikat “summa cum laude” ausgezeichnet wurde.  Noch im selben Jahr – 1955 – erschien diese Arbeit im Archiv für Psychologie / Zeitschrift für Neurologie, und sie leitete eine Serie von Publikationen, Handbuchartikeln und Monographien zu rein oder überwiegend audiologischen Themen ein, deren Zahl 100 bei weitem übersteigt.  So war es nur konsequent, daß der junge Arzt Feldmann seine Weiterbildung als wissenschaftlicher Assistent an der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik Heidelberg begann, wo er sich 1963 mit einer Arbeit über “Untersuchungen zum binauralen Hören im Geräusch. Ein Beitrag zur zentralnervösen Verarbeitung akustischer Informationen” für das Fach Hals -Nasen-Ohren-Heilkunde habilitierte.  Nachdem er 1969 zum außerplanmässigen Professor ernannt worden war, erhielt er im Jahr 1975 den Ruf auf den Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Es ist verständlicherweise in der kurzen Zeit, die mir zur Verfügung steht, nicht möglich, die Leistungen Professor Feldmanns hinreichend zu würdigen.  Ich möchte nur drei Schwerpunkte seiner Arbeiten hervorheben, auf denen er Herausragendes geleistet hat:  als Tinnitusforscher, als Nestor der Begutachtung und als Historiker.

Feldmann als Tinnitusforscher

Es waren zunächst wenig beachtete Experimente von Feldmann zur Maskierung von Tinnitus, die ihn zu der Erkenntnis führten, daß die Verdeckung von Tinnitus und die Maskierung von physikalischem Schallsignalen gänzlich unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen.  Allein schon die Feststellung, daß Tinnitus häufig vom Gegenohr aus mit gleichen Verdeckungspegeln wie vom ipsilateralen Ohr aus maskiert werden kann, hat etwas Sensationelles.  Feldmann hat seine Ergebnisse 1969 erstmals in Mainz beim HNO-Kongreß vorgetragen; sie erschienen kurz danach auch in der Zeitschrift für Laryngologie-Rhinologie-Otologie sowie in englischer Sprache in der Zeitschrift Audiology.  Heutzutage ist Feldmanns Buch “Tinnitus”, das kürzlich in zweiterAuflage erschienen ist, das Standardwerk überhaupt, das von der größtmöglichen Objektivität geprägt ist.

Feldmann als Nestor der Begutachtung
Ärztliche Gutachten sind die Schnittpunkte von biologischer Schädigung und zivilisatorischem Ausgleich. Feldmann hat sehr früh – anders als die Mehrzahl der Mediziner – erkannt, daß die Begutachtung von Krankheitszuständen eine eminent humane Aufgabe darstellt, der nach der großen Zahl der betroffenen Menschen eine ganz erhebliche Bedeutung zukommt.  Er beachtete aber auch früher als andere, daß Simulanten und Aggravanten das humane System des Ausgleichs mißbrauchen können.  Dank seiner Kompetenz wirkte Feldmann während vieler Jahre an der Gestaltung der MdE-Tabelle für Schwerhörigkeit (und auch am Königsteiner Merkblatt für die Begutachtung der Lärmschwerhörigkeit) mit.  Sein Buch “Das Gutachten des Hals-Nasen-Ohrenarztes”, das 1997 in vierter Auflage erschienen ist , ist heutzutage ein nicht mehr wegzudenkendes Standardwerk. Da die Mehrzahl hals-nasen-ohrenärztlicher Gutachten zu audiologischen Themen zu erstatten sind, ist die Bearbeitung des Begutachtungswesens durch Feldmann eine Leistung, deren Schwerpunkt im Bereich der Audiologie liegt:  Mehr als ein Drittel seines Buches nehmen die Grundlagen ein, mehr als ein Drittel audiologische Fragestellungen. 

Feldmann als Historiker
Im Jahr 1960 erschien im Georg-Thieme-Verlag Stuttgart innerhalb der von von Leicher, Mittermaier und Theissing herausgegebenen Reihe “Abhandlungen auf dem Gebiet der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde” das Buch “Die geschichtliche Entwicklung der Hörprüfungsmethoden”  von Dr. Harald Feldmann, weiland Assistent an der Universitäts-Hals-Nasen-Ohrenklinik Heidelberg.  Dieses Buch zeugt von einem enormen Überblick über audiologische Methoden und Fragestellungen, über Probleme, Denkweisen und Techniken, über Grundlagen der Akustik, der Psychoakustik und der Otologie, wie ihn die meisten selbsternannten “Audiologen” leider vermissen lassen.  Der Inhalt des Buches reicht von der Entdeckung der Elektrizität bis hin zu Modulationsschwellen, von den Stimmgabelprüfungen bis hin zur Sprachaudiometrie, von Simulationsproben bis hin zur “Objektiven Audiometrie”, die damals – drei Jahre vor dem Erscheinen der grundlegenden Publikationen von Keidel und Davis – geradezu futuristisch erscheinen mochte.  Zeitlich umfaßt das Buch die Jahrtausende der abendländischen Entwicklung der Menschheit. 

Aber auch später – noch als Emeritus – hat Feldmann über viele Jahre hinweg eine Vielzahl von Arbeiten historischen Inhalts publiziert, die zum überwiegenden Teil auf die Grundlagen und Ursprünge der heutigen Audiologie und Audiometrie eingehen, so über das Monochord und sein Weg von der Pythagoräischen Musikwissenschaft zur Prüfung der oberen Hörgrenze, Arbeiten über die Galton-Pfeife und die Entdeckung der Altersschwerhörigkeit, Arbeiten über die Geschichte der Ohr-Specula, und schließlich Arbeiten über die Geschichte der Stimmgabel von ihrer Erfindung, ihrem Weg in der Musik und den Naturwissen­schaften über die Entwicklung der klassischen Versuche nach Weber, Rinne und Schwabach bis hin zur quantitativ messenden Tongehörsprüfung.  All diese – und viele andere – Arbeiten sind Bilder aus der Geschichte der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, dargestellt an Instrumenten aus der Sammlung im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt, an deren Entstehen Feldmann einen großen Anteil gehabt hat.

Herr Professor Feldmann erhielt für seine Arbeiten über die Geschmacksprüfung 1961 von der Kongreßgesellschaft für ärztliche Fortbildung Berlin einen Teil des Curt-Adam-Preises; 1972 wurde ihm von der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie für seine Arbeiten auf audiologischem Gebiet der Ludwig-Haymann-Preis verliehen. 

Lassen Sie mich zum Schluß kommen.  Die wenigen Fragmente aus dem Lebenswerk Herrn Professor Feldmanns, die ich in der Kürze der Zeit beleuchten konnte, dürften hinreichend begründet haben, warum das Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Audiologie beschlossen hat, gerade ihn zu ihrem ersten Ehrenmitglied zu ernennen.  Sie haben aber ebenso deutlich werden lassen, daß es eine ebensogroße Auszeichnung für unsere Gesellschaft darstellt, Herrn Professor Feldmann als Ehrenmitglied in ihren Reihen führen zu dürfen.

Manfried Hoke
München, 25. März 1999

Ernennung: 2000 in Hannover

Laudatio für Prof. Dr. Ing. Ernst Terhardt anläßlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie

Lieber Herr Professor Terhardt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, heute den Beschluß der Deutschen Gesellschaft für Audiologie begründen zu dürfen, Sie zu ihrem Ehrenmitglied zu ernennen. Sie sind der erste Ingenieur, dem diese Ehrung zuteil wird und das hat seinen guten Grund, denn viele sehen in Ihnen den größten lebenden deutschsprachigen Psychoakustiker. Sie sind der Mittelpunkt des berühmten Münchener „Dreigestirn“ Zwicker, Terhardt und Fastl – alle übrigens jeweils um etwa 10 Jahre im Alter versetzt – das das Münchener Institut für Elektroakustik zu Weltruhm geführt hat und einen starken Einfluß auf die Entwicklung der Psychoakustik in Deutschland und weltweit ausgeübt hat und immer noch ausübt. Obwohl Sie nach Ihrem Abitur 1954 zunächst in die väterliche Firma einstiegen und es beinah so aussah , als wollten Sie Kaufmann und Kunststofftechniker werden und nicht etwa Wissenschaftler, haben Sie 3 Jahre später doch noch „die Kurve gekratzt“ und an der Universität Stuttgart Elektrotechnik studiert, wo Sie bei Prof. Zwicker ihr Diplom bereits über „Ein Funktionsmodell des Gehörs“ machten und anschließend Ihre Doktorarbeit mit einem „Beitrag zur Ermittlung der informationstragenden Merkmale von Schallen mit Hilfe der Hörempfindungen“. 1967 gingen Sie dann kurz vor der Promotion zusammen mit Herrn Zwicker nach München, um das neugeschaffene Institut für Elektroakustik in Forschung und Lehre mit aufzubauen. Heutzutage kann man als Angehöriger des öffentlichen Dienstes – man lebt ja in „gesicherter Armut“, wie Herr Fastl es immer nennt – es sich nicht mehr leisten, nach München zu ziehen, aber damals war es wohl noch anders: So konnte Herr Zwicker in seinen Berufungsverhandlungen wohl nicht nur eine Stelle, sondern auch eine Dienstwohnung für Sie heraushandeln – welch weiteren Beweises bedarf es, wie wichtig Ihre Rolle für den Aufbau des Instituts war!

Aber nach Ihrer Habilitation 1972 über „Ein Funktionsschema der Tonhöhenwahrnehmung von Klängen“ und Ihrer Ernennung zum wissenschaftlichen Rat und 1978 zum Professor zeigten Sie mit der Etablierung des eigenständigen Bereiches „Akustische Kommunikation“ am Institut Ihr eigenes Profil: Während Zwicker mit seinen Arbeiten über otoakustische Emissionen und Gehörmodelle sozusagen immer mehr in die Peripherie des Hörens zur Cochlea-Mechanik und ihrer Bedeutung für die Psychoakustik ging, war Ihr Sinn stets nach Höherem gerichtet: Für Sie stand immer das Hören als ganzheitliches Erlebnis im Vordergrund, das z. B. beim Musikhören oder beim Verstehen von Sprache auftritt, so daß Sie eher an ganzheitlichen, gestaltpsychologischen Fragestellungen und ihrer exakten psychophysikalischen Begründung interessiert waren, ohne daß Sie das Hören in Einzelprozesse zerlegten und damit möglicherweise zu stark reduzieren. So haben Sie nach frühen Beiträgen zur automatischen Spracherkennung die quantitative Beschreibung bestimmter zeitlicher Eigenschaften quasi „erfunden“, nämlich die Schwankungsstärke und die Rauhigkeit von Signalen. Diese ingenieurmäßige Beschreibung von Empfindungsgrößen zur Beschreibung des Klangeindrucks hat inzwischen eine große Bedeutung in der Technik erlangt: So ist die Schwankungsstärke unabdingbar für die Optimierung von Warnsignalen und wird auch für die Beschreibung von sprachsimulierendem Rauschen in der Audiologie gebraucht (das sog. Fastl-Rauschen), während die Rauhigkeit eine zentrale Bedeutung für die musikalische Konsonanz aber auch für das Sounddesign bei technischen Schallen aufweist, z. B. der satte Klang von Rennwagen oder der kraftvolle Klang eines Rasierapparates.

Ihr besonderes Interesse, lieber Herr Terhardt, gilt der Empfindung von Musik: So haben Sie in der Tradition der von von Helmholtz gelegten Grundlagen der musikalischen Konsonanz sich mit der sensorischen Konsonanz als der Abwesenheit von Rauhigkeit ebenso beschäftigt wie mit der Harmonie. Und hier kommt endlich die virtuelle Tonhöhe ins Spiel, ein heute zentraler Begriff in der Tonhöhenwahrnehmung, den Sie sozusagen „erfunden“ haben und den Sie sich in einer Reihe von Publikationen von den psychophysikalischen Grundlagen bis hin zu technischen Berechnungsverfahren widmen. Auf der Basis der virtuellen Tonhöhe konnten Sie dann feststellen, daß Harmonie immer dann entsteht, wenn der Grundton direkt der virtuellen Tonhöhe entspricht, damit konnten Sie erst mal das Phänomen des Tristanakkords erklären. Eng zusammen mit der Tonhöhenwahrnehmung und der virtuellen Tonhöhe stehen Ihre Untersuchungen zum absoluten Gehör, also der Fähigkeit bestimmter Musiker, einen Referenzton quasi „fest verdrahtet“ mit sich herumzutragen.

Ein ganz anderes Tätigkeitsfeld, in dem Sie ebenfalls entscheidende Akzente gesetzt haben, lieber Herr Terhardt, hat mich ganz besonders verwirrt, als ich als junger Doktorand eine Reihe von Vorträgen von Ihnen auf den Tagungen der deutschen Arbeitsgemeinschaft für Akustik (DAGA-Tagungen) über „konzeptionelle Revision der Fourier- und der Laplace-Transformation“ gehört habe: Da behaupteten Sie doch allen Ernstes, all das, was wir als Studenten mühsam über die (in der Nachrichtentechnik und Signalverarbeitung wichtige) Fourier-Transformation und Laplace-Transformation gehört haben, sei falsch und einige Punkte und Definitionen seien deutlich zu revidieren! Inzwischen hat sich die Diskussion darüber - so denke ich - weitgehend entspannt und Ihre konzeptuelle Revision ist weitgehend akzeptiert. Was auf jeden Fall bleibt, ist aber die von Ihnen eingeführte Fourier-T-Transformation im Volksmund auch als Fast-Terhardt-Transformation bezeichnet, auf der viele Ihrer folgenden Arbeiten und die Ihrer Mitarbeiter basieren. In den letzten Jahren haben Sie sich dann verstärkt den Arbeiten zu einem linearen Modell der Verarbeitung im peripheren Gehör gewidmet und Ihr Werk zusammengetragen in ein wirklich eindrucksvolles Buch „Akustische Kommunikation - Grundlagen mit Hörbeispielen“, das im Springer-Verlag 1998 erschienen ist und mit Fug und Recht als ein Meilenstein der Hörforschung bezeichnet werden kann.

Aber die wissenschaftliche Arbeit und Publikation ist nur eine – wenn auch wichtige – Facette im Werk eines Hochschullehrers. Die andere, vielleicht noch wichtigere Aufgabe, der Sie sich mit viel Hingabe und menschlicher Wärme gewidmet haben, ist die Anleitung von Studierenden und Doktoranden zur eigenen wissenschaftlichen Arbeit und das Wecken der Begeisterung für unser vielfältiges, interdisziplinäres Gebiet. Und hier, lieber Herr Terhardt haben Sie ebenfalls Bedeutendes geleistet, indem Sie als Doktorvater bei insgesamt 15 Kandidatinnen und Kandidaten fungiert haben, die heute allesamt in wichtigen Positionen in der Industrie oder der Hochschule „gelandet“ sind. Aber auch als fairer und kompetenter Gutachter (z. B. bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft) haben Sie sich in der Förderung der Akustik und Audiologie über die Bayrischen Grenzen hinaus einen guten Namen gemacht: Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Sonderforschungsbereichs-Antrag an dem ich in Göttingen zusammen mit Herrn Eysholdt beteiligt war und wo Sie als Gutachter benannt waren: Was haben wir im Vorfeld gezittert! Aber als Sie dann da waren und mit uns in kollegialer und sehr unterstützender Weise das Projekt durchsprachen und uns eine Reihe nützlicher Tipps gaben, habe ich durch Sie erst den eigentlichen Sinn des Wortes „Gutachter“ gelernt: Es ist nämlich das Gegenteil von „Schlechtachter“! Nun, aus dem Sonderforschungsbereich ist damals aus gewissen Gründen zwar nichts geworden, aber unser Projekt wurde trotzdem genehmigt und war für mich der Ausgangspunkt für den Aufbau meiner eigenen Arbeitsgruppe, ohne den ich jetzt hier nicht stehen würde. Also, an diesem kleinen Beispiel können Sie, meine Damen und Herren, vielleicht schon erahnen, welche zentrale Rolle Herr Professor Terhardt für die Psychoakustik und Audiologie in Deutschland gespielt hat und weiter noch spielt!

Lieber Herr Terhardt, sicher ist dieser kleine Überblick über Ihr Wirken und Schaffen sehr unvollständig und kann Ihre Verdienste in Forschung und Lehre nur schemenhaft beleuchten. So bin ich nicht eingegangen auf Ihre Rolle als Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs „Kybernetik“ und Ihre Rolle im Sonderforschungsbereich „Gehör“ oder als Leiter des Fachausschusses „Elektroakustik“ der Nachrichtentechnischen Gesellschaft oder als Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Akustik. Auch der noch jungen Deutschen Gesellschaft für Akustik sind Sie von Anfang an verbunden, ich erinnere nur an Ihren vielbeachteten Plenarvortrag anläßlich der zweiten Jahrestagung der DGA vor 2 Jahren in München.

Sicher war es auch nicht immer leicht, als Extraordinarius an der traditionellen Münchener Ordinarien-Universität Ihren eigenen Stil gegen den jeweiligen Lehrstuhlinhaber durchzusetzen oder Ihre eigenen, den Kollegen zum Teil undenkbar erscheinenden neuen Vorstellungen und Theorien in die Köpfe von uns allen zu setzen. Aber genau dieses Querdenkertun, diese Beharrlichkeit und das gradlinige Fortführen von Konzepten zeichnet Sie aus und hat Sie zu dem gemacht, was Sie heute in den Augen Ihrer Kolleginnen und Kollegen darstellen. Daher ist es nur allzu „offensichtlich, plausibel und einfach“, daß Ihnen die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie gebührt. Zum Abschluß meiner Laudatio möchte ich deshalb noch einen Satz von Ihnen stellen, lieber Herr Terhardt, den ich aus Ihrer (sehr lesenswerten) Homepage entnommen habe:

„We smart scientists should indeed more often consider that an idea does not necessarily have to be wrong or useless just because it is obvious, plausible, and simple.“

Die Idee, Ihnen die Ehrenmitgliedschaft der DGA zu verleihen, gehört sicher dazu!

Herzlichen Glückwunsch, lieber Herr Terhardt, und meine Damen und Herren, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Birger Kollmeier
Hannover, 31. März 2000

Ernennung: 2001 in Aachen

Laudatio für Prof. Dr. med. Alf Meyer
zum Gottesberge anläßlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie

Unter den vielen herausragenden Persönlichkeiten der deutschen und internationalen Otorhinolaryngologie des 20. Jahrhunderts, zu denen Prof. Dr. Alf Meyer zum Gottesberge zweifelsohne gehört, sind mir nur wenige persönlich bekannt geworden, die trotz ihres großen Namens und ihrer unbestrittenen Bedeutung so bescheiden, herzlich, humorvoll, weil weise geblieben sind. Wenn diese Eigenschaften am Anfang einer Laudatio an­geführt werden, dann deshalb, weil dadurch der Mensch Alf Meyer zum Gottesberge und seine Wirkung auf die Mitmenschen am besten verständ­lich wird. Bei all seiner Zielstrebigkeit, Prinzipientreue, fachlichen Kompetenz und höchstem Engagement für Patienten und Wissenschaft war und ist MzG, wie er von vielen genannt wird, ein Herzensmensch. Dies sollte voran­gestellt werden, bevor mehr oder weniger sachlich der Lebensweg des Arztes, Wissenschaftlers und witzigen Philosophen abgehandelt wird.

Prof. Alf Meyer zum Gottesberge wurde 1908 in Herford geboren. Seine Weiterbildung erhielt er in Freiburg unter Aschoff und ab 1933 in Köln unter Güttich und Frenzel. Früh schon war er fasziniert vom cochleo-vestibulären System, was sich in vielen seiner Publikationen niederschlug:  über den Lagenystagmus, die physiologisch-anatomischen Elemente der Schallrichtungsbestimmung, die Hörbilder in ihren Beziehungen zu Sitz und Art der Störung, die degenerativen Innenohrschwerhörigkeiten, über Hörschädigungen beim Flugpersonal (ein Beitrag zur Frage der c5-Senke), über den Lagenystagmus als sicherstes klinisches Zeichen der akuten Alkoholvergiftung, über subjektive und objektive Ohrgeräusche, zur Physiologie der Haarzellen, über den Morbus Menière oder zur funktionellen Pathologie der Innenohrschwerhörigkeit. So blieb es nicht aus, daß er 1953 gleichzeitig Rufe auf die Lehrstühle der Universitäten von Heidelberg und Düsseldorf erhielt. Er entschied sich für die damalige Medizinische Akademie Düsseldorf, wo er bis 1977 den Lehrstuhl innehatte. Es spricht allein für die überzeugende Persönlichkeit von MzG, daß er bereits in den Jahren 1956/57 das Amt des Rektors übernahm und von 1958 bis 1967 das des Ärztlichen Direktors.

Trotz solcher verantwortungsvoller Ämter setze er seine Grundlagenforschung auf dem Gebiet des Gleichgewichtsapparates und der Cochlea konsequent fort.  Beweis seiner engen Verknüpfung von Grundlagenforschung und Klinik sind richtungsweisende Arbeiten zur funktionellen Pathologie der Innenohrschwerhörigkeit, zum akustischen Trauma, zur Hörtheorie, zur Hörphysiologie oder zu Ohrgeräuschen, zur Knochenleitung, zum akustischen Trauma, zum Eiweißstoffwechsel der Cochlea und des Nucleus cochlearis und zum Hörsturz. Zusammen mit Plester, Stupp und Watanuki entstanden zwischen 1961 und 1971 wegweisende Untersuchungen zum Stoffwechseltransport der Hörschnecke, zur statischen Funktion des Sacculus beim Menschen, zur Ototoxizität der Aminoglycosid-Antibiotika oder zur Funktion und Morphologie der Sinnesepithelien des Vestibularorgans. Sein Handbuchartikel über den Morbus Menière gilt als Standardwerk.

MzG gab immer Anstoß zu neuen Denkweisen und Forschungsrichtungen, sowohl in der Klinik als auch auf dem Gebiet der Grundlagenforschung: Dietrich Plester, Oberarzt bei Meyer zum Gottesberge, entwickelte unter seiner Leitung entscheidende Komponenten der Tympanoplastik und Stapesplastik. Neveling widmete sich erstmals fundiert der Klinik des Hörsturzes. Sigurd Rauch erarbeitete die Grundlagen der Biochemie des Innenohres, und E. Coburg untersuchte die Zellproliferation und Zellwanderung in den Tonsillen, im Respiratonstrakt und im Mittelohr.

So war Düsseldorf unter MzGs Führung ein Mekka der Innenohrforschung und der Mittelohrchirurgie geworden. Die Vermittlung von Denkanstößen, die Wegbereitung für die Durchsetzung von wissenschaftlichen und klinischen Konzepten waren der ideale Nährboden für eine höchst erfolgreiche Tätigkeit geschickt ausgewählter Mitarbeiter. Dies zeugt auch von seiner hervorragenden Menschenkenntnis.  Seine außerordentlichen Leistungen haben zu dreizehn Habilitationen von Medizinern, Naturwissenschaft­lern und Ingenieuren an seiner Klinik geführt.  Das geht aus der Besetzung zahlreicher Klinikleiter durch seine Schüler hervor.

1963 gründete Alf Meyer zum Gottesberge die Arbeitsgemeinschaft für Biochemie des Innenohres, die sich später zum “Workshop of Inner Ear Biology” weiterentwickelte und zu einer festen jährlichen europäischen Institution für Innenohrforscher wurde.

Alf Meyer zum Gottesberge war Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft deutscher Audiologen (und ihr erster Vorsitzender).  1953 wurde er bereits Mitglied der deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. 1962/1963 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, 1968 bis 1970 Präsident der Gesellschaft deutscher Natur­forscher und Ärzte. Zahlreiche hochrangige nationale und internationale Fachgesell­schaften haben ihn zum Ehrenmitglied ernannt:  Bárány-Society, Uppsala, Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Österreichische Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie, International Society of Audiology und viele andere.

Die Deutsche Gesellschaft für Audiologie ist stolz darauf, Herrn Prof. Dr. Alf Meyer zum Gottesberge durch die Ernennung zum Ehrenmitglied auf Dauer an sich zu binden.

Manfried Hoke
Aachen, 22. März 2001

Ernennung: 2002 in Zürich

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Prof. Dr. Dr. Ernst Lehnhardt, Hannover

Mit Prof. Dr. Dr. Ernst Lehnhardt wird einer der Gründer der Audiologie für seine wegweisenden Arbeiten und Verdienste auf diesem Gebiet ausgezeichnet.

Auf dem Gebiet der Cochlea-Implantate darf er als einer der internationalen Pioniere gelten. Sein Mut, sich der Therapie der Innenohrtaubheit mit Hilfe elektrischer Hörprothesen in einer schwierigen Zeit zuzuwenden, seine Fähigkeit zu pragmatischer Organisation der erforderlichen Strukturen und Abläufe, visionäres, aber stets an der klinischen Erfahrungen orientiertes Denken und seine Fähigkeit, Sponsoren für seine Ideen zu gewinnen, haben dazu beigetragen, einen weit über Deutschland hinausreichenden Standard für die Hörrehabilitation ertaubter und taub geborener Patienten zu schaffen. Er wurde vielfach anderen Ortes kopiert und weiterentwickelt.

Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, daß das Cochlear Implant in der Therapie der kindlichen Gehörlosigkeit interdisziplinär als Methode der Wahl verankert und anerkannt ist. Erweiterungen der Indikationen zeugen von einem besonders ausgeprägten Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Kindern und Eltern. Pionier mit Vision, der die Balance zwischen technisch möglichem Fortschritt einerseits und ärztlicher Verantwortung andererseits stets gehalten hat.

Diese unermüdliche Arbeit ist auch der Grundstein dafür, daß Früherfassung, Diagnostik und Frühtherapie kindlicher Schwerhörigkeiten über das Cochlear Implant hinaus breite Aufmerksamkeit gewonnen haben. Daraus wurden zahlreiche weitere wichtige Entwicklungen wie das Neugeborenen-Hörscreening, die audioverbale Erziehung in speziellen Zentren, aber auch die physiologische Forschung im Bereich von Hörstörungen wesentlich beeinflußt.

Hatten Physiologen noch vor wenigen Jahren erklärt, ein Cochlear Implant könne nie das Hören so weit wiederherstellen, daß Sprache verstanden werden kann, so sind sie durch die Arbeit des Klinikers Ernst Lehnhardt heute damit beschäftigt zu klären, warum ein Cochlear Implant funktioniert und wie dadurch Entwicklung und Funktion der Hörbahn beeinflußt werden.

Ernst Lehnhardt hat damit wesentlich die interdisziplinäre Arbeit im Team sowohl der hörgeschädigten Patienten als auch der diesbezüglichen Forschung initiiert und somit dem Gebiet der Audiologie, das per se interdisziplinär angelegt ist, zu konkreter Ausprägung verholfen.

Erlauben Sie mir zum Schluß noch einige persönliche Bemerkungen. Als ich mich 1980 bei Ihnen um eine  Assistentenstelle bewarb und diese trotz Ihrer Zusage nicht annahm, sondern meine Ausbildung in Heidelberg bei meinem früheren Chef und Lehrer, Ihrem Freund Hans-Georg Boenninghaus, antrat, war damit keineswegs das Ziel verbunden, Ihre Nachfolger im Amt in Hannover zu werden. Daß dies später dennoch so gekommen ist, ist weniger unserer Namensverwandtschaft als vielmehr dem gemeinsamen Interesse an der Otologie, der Audiologie und dem Cochlear Implant zu verdanken. Wenn wir beide auch nicht immer in der Art und dem Stil übereinstimmten, so war es doch dennoch Ihre Aufbauarbeit, Ihr ungebrochener Wille und Ihre Vision für Neues, die mir als Vorbild dienten. Der Weg ist das Ziel, so lautet das Motto. In diesem Sinne haben Sie sicherlich vielen in der Audiologie Tätigen, von denen zahlreiche hier anwesend sind, Richtung und Orientierung gegeben. Ich darf Ihnen an dieser Stelle meinen persönlichen Dank aussprechen für das, was Sie für meine Arbeit in Hannover an Grundlage geschaffen haben.

Unser aller Wunsch: Mögen Sie der deutschen Audiologie als Mentor und Ratgeber noch für viele Jahre bei guter Gesundheit erhalten bleiben.

Thomas Lenarz
Zürich, 28. Februar 2002

 

 

Ernennung: 2003 in Würzburg

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Prof. Dr. rer. nat. Manfred R. Schroeder, Göttingen

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr verehrten Damen und Herren, und vor allen Dingen:
Lieber Herr Professor Schroeder,

es ist mir eine ganz besondere Freude und Ehre, hier heute vor Ihnen stehen zu dürfen, um im Namen der Deutschen Gesellschaft für Audiologie die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft an Herrn Prof. Dr. Manfred Robert Schroeder zu begründen, also meinen verehrten akademischen Lehrer und langjährigen Chef.

Besonders  freut es mich natürlich, dass Sie, lieber Herr Schroeder, auch per Telepräsenz heute persönlich anwesend sind  und ich dadurch nicht in die gleiche Verlegenheit gerate wie Sie selbst vor knapp 40 Jahren auf einer Tagung der Acoustical Society of America. Dort haben Sie die Laudatio für Ihren Doktorvater, Prof. Erwin Meyer gehalten, der den William Clement Sabine-Award  verliehen bekam. Was niemand wusste – und Sie auch tunlichst vorher verschwiegen haben: Prof. Meyer konnte nicht persönlich anwesend sein und hatte niemand Anderen als Sie gebeten, die Auszeichnung stellvertretend entgegen zu nehmen – was Sie auch nach Ende Ihrer Laudatio artig taten und sich für die gelungene Laudatio herzlich bedankten!

Dieses besondere Talent zur publikumswirksamen Inszenierung aber auch zur verständlichen Darstellung auch komplizierter Sachverhalte  ist sicher ein wesentlicher Faktor in Ihrer einzigartigen Karriere als Wissenschaftler, Manager, akademischer Lehrer und Wanderer zwischen zwei Welten auf beiden Seiten des Atlantiks.

Sie studierten Mathematik und Physik in Göttingen, wo Sie am III. Physikalischen Institut der Universität unter Anleitung von Erwin Meyer 1952 promovierten. 1954 gingen Sie zu den Bell Telephone Laboratories in Murray Hill, New Jersey, USA, wo Sie innerhalb kurzer Zeit zum „Director of Acoustics and Mechanics Research“ aufstiegen und an einer Reihe von bahnbrechenden Publikationen und Erfindungen beteiligt waren, und zwar auf den Gebieten raumakustische Messverfahren, Sprachcodierung, physiologische und psychologische Akustik und Computergrafik. Beispielsweise sind Ihre Erfindungen zum künstlichen Nachhall in jedem modernen digitalen Hallgerät enthalten, oder Ihre gemeinsam mit Bishnu Atal entwickelte Methode des Linear Predictive Coding, ist in ihrer Weiterentwicklung in jedem derzeitigen Mobiltelefon zu finden. In so mancher Konzertsaaldecke an der amerikanischen Ostküste -  so habe ich mir sagen lassen - steckt noch eine von Ihnen abgefeuerte Pistolenkugel – später haben Sie die raumakustischen Messungen durch die Methode der Rückwärts-Integration und die Messung mit Maximalfolgen-Rauschen deutlich angenehmer für die Zuhörer gestaltet! In der Hörforschung sind die „Schroeder-Phasen“ ein feststehender Begriff, mit denen u.a. in aktuellen Forschungsarbeiten die Funktion der Basilarmembran psychoakustisch und physiologisch untersucht wird

1969 wurden Sie zum Direktor des III. Physikalischen Instituts der Universität Göttingen berufen, dem Sie bis zu Ihrer Emeritierung 1991 vorstanden – aber immer nur für ein halbes Jahr, denn in Ihren Berufungsverhandlungen hatten Sie vereinbart, dass Sie in den Semesterferien weiter bei den Bell Labs forschen konnten – ein Rhythmus, den Sie auch heute noch weiter befolgen. Für uns Mitarbeiter hatte es den entscheidenden Vorteil, dass Sie immer die neuesten Entwicklungen und Ideen aus USA mitbrachten und auch für uns sich die Bell Labs als Sprungbrett in die USA anbot. Aber ansonsten konnten wir ungestört unsere eigenen wissenschaftlichen Neigungen und Ideen ausleben – denn der Chef war weit weg und e-mail und Videokonferenz gab es damals noch nicht!

In Göttingen haben Sie in der Lehre entscheidende Akzente gesetzt und aufgrund Ihrer faszinierenden Vorlesungen viele der besten Physik-Studenten in Ihr Institut gelockt. Außerdem haben Sie die Forschung in den Gebieten Raumakustik, Sprachakustik und Hörakustik entscheidend vorangetrieben: Beispielsweise wurden die kopfbezogenen Übertragungsfunktionen 1977 erstmalig digital ausgemessen (Mehrgardt und Mellert, 1977)  oder die erste volldigitale Simulation verschiedener europäischer Konzertsäle fand Mitte der siebziger Jahre im reflexionsarmen Raum des Instituts statt.

Prägend war für viele Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die herzlich, kollegiale Atmosphäre im Institut mit Events vom „Piano-Smashing“ (nach dem Motto: wie passt ein Flügel durch ein Nadelöhr?) über Instituts -Rallyes bis hin zu hinreißenden Diplom- oder Doktorfeten mit legendären Auftritten der Institutsband – alles nur möglich durch einen liberalen Chef,  der aufgrund seiner wissenschaftlichen Meriten soweit über den Dingen stand, dass auch ruhig etwas Chaos im Institut herrschen konnte (nicht umsonst haben Sie sich in späteren Jahren intensiv mit nichtlinearer Dynamik und Chaos-Theorie beschäftigt!).

Sie haben über 100 Original-Arbeiten und 4 Bücher geschrieben, die sich einer großen Auflage und vieler Zitate erfreuen. Sie sind mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet worden, u.a. mit der Rayleigh-Medal des British Institute of Acoustics,  der Goldmedaille der amerikanischen  Gesellschaft für Akustik, dem Helmholtz-Preis der deutschen Gesellschaft für Akustik und dem Niedersachsen-Preis.

Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der großen Freiheiten, die Ihre ehemaligen Absolventen, Assistenten und Mitarbeiter genießen konnten, sind die meisten von ihnen in verantwortlichen Positionen in vielen Bereichen von Industrie und Universitäten „gelandet“, darunter im Vorstand von Infineon (S. Mehrgardt, K.Ebeling), Micronas (U.Sieben), in leitenden Positionen beim Umweltbundesamt (D. Gottlob) und an den Universitäten Erlangen (U. Eysholdt), San Francisco (C. Schreiner), MIT (R. Wilhelms), Eindhoven (A.Kohlrausch) und Oldenburg (V.Mellert, B.Kollmeier).

Bei der Namensnennung von Dieter Gottlob möchte ich noch ein Gespräch zwischen Ihnen und Herrn Gottlob im Rahmen Ihres Oberseminars erwähnen, bei dem Sie sich über die psychophysikalische Einheit der Tonhöhe „Bark“ beschwerten, die zwar nach dem deutschen Physiker Barkhausen benannt ist, in den USA aber wegen ihrer zweideutigen Bedeutung  (von wegen „to bark“) der Lächerlichkeit preisgegeben ist. Herr Gottlob erwiderte: „Herr Schroeder, das geht uns Deutschen mit dem (Dezi-) „Bel“ genauso! -

(Eigentlich hätte ich bei diesem Insider-Witz bei der DGA etwas mehr Lacher erwartet – aber die nach Alexander Graham Bell benannte Intensitäts-Einheit „Bel“ ist halt viel weniger geläufig als ihr zehnter Teil, das Dezibel).

Wie diese Begebenheit schon andeutet, gilt Ihr besonderes Interesse, lieber Herr Schroeder, dem Hörvorgang und der Anwendung solider physikalischer bzw. ingenieurwissenschaftlicher Methoden in der Hörakustik. So haben Sie bereits Ende der siebziger Jahre quantitative Modelle des Hörvorgangs aufgestellt und numerisch berechnet, darunter das „legendäre“ Haarzellenmodell nach Schroeder und Hall, das in Abwandlungen derzeit in fast allen aktuellen Computer-Hörmodellen  enthalten ist. Unter Ihrer Institutsleitung entstand in Göttingen das Göttinger/Oldenburger „Perzeptionsmodell“ und die ersten digitalen Signalverarbeitungsverfahren für Hörgeräte in Deutschland (Lewien, Langhans, Strube, Kollmeier) – vielleicht darf ich noch anfügen, dass Ihr Interesse an Hörgeräten in den letzten Jahren (mit zunehmendem Lebensalter )  sich kontinuierlich gesteigert hat, was sich für mein (unter Ihrer Anleitung begonnenes) Arbeitsgebiet durchaus positiv auswirkte.

Aufgrund der Gesamtsicht Ihrer einzigartigen wissenschaftlichen Leistungen für die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Audiologie, sehr geehrter Herr Prof. Dr. M.R. Schroeder, verleiht Ihnen die Deutschen Gesellschaft für Audiologie daher am heutigen Tage ihre Ehrenmitgliedschaft – herzlichen Glückwunsch!

Birger Kollmeier
Würzburg, 27. März 2003

Ernennung: 2004 in Lepzig

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Prof. Dr.-Ing. Dr. techn. h.c. Jens Blauert, Bochum

Die Laudatio auf das neue Ehrenmitglied der DGA hielt Herr Prof. Hoke, der aufzeigte, daß alle Stationen des Werdegangs Prof. Blauerts von der Habilitation an der RWTH-Aachen über seinen Wirkungskreis als Lehrstuhlinhaber an der Ruhr -Universität-Bochum bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2003 maßgeblich durch die Termini 'Räumliches Hören' sowie 'Hör- und Sprachakustik' charakterisiert sind.

Diese Begriffe repräsentieren jedoch nur die Maxima seines sehr breiten wissenschaftlichen Spektrums, das viele seiner Schüler inzwischen an hochrangigen Stellen weiterführen. Viele seiner grundlegenden Forschungsergebnisse - insbesondere zum binauralen Hören - sind inzwischen in der Audiologie etabliertes Wissen und haben zu praktischen Anwendungen in der Hördiagnostik und der Versorgung mit Hörhilfen geführt.

Herr Prof. Kollmeier überreichte die Ernennungsurkunde als Ehrenmitglied der DGA. Herr Prof. Blauert nahm die Ernennung mit einer kurzen Ansprache dankend an.

Leipzig, 9. März 2004

Ernennung: 2005 in Göttingen

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Prof. Dr. med. Manfred Heinemann, Mainz

Prof. Heinemann, geboren 1938 in Magdeburg, studierte Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin und in Magdeburg. 1963 promovierte er zum Dr. med., 1968 schloss er seine Ausbildung zum HNO-Facharzt ab, 1973 folgte die Habilitation an der Universität Leipzig. 1976 ging er nach Aachen, wo er die phoniatrische Abteilung der RWTH aufbaute. 1985 erhielt er den Ruf als Ordinarius und, als Nachfolger von Prof. Peter Biesalski, Direktor der Klinik für Kommunikationsstörungen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, wo er auch Leiter der Lehranstalt für Logopäden am Klinikum wurde.

Prof. Patrick Zorowka, Innsbruck, hob in seiner Laudatio hervor, dass Manfred Heinemann als ein überaus engagierter Wissenschaftler und Lehrer gilt, der, nach von ihm eingeführten hohen Ausbildungskriterien, viele erstklassige Logopäden hervorbrachte, aber auch zahlreiche junge HNO-Aerzte für Phoniatrie und Pädaudiologie interessierte, die heute phoniatrisch -pädaudiologische Abteilungen und Kliniken leiten oder als niedergelassene Fachärzte dieses Bereichs tätig sind. Heinemann ist Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP), der er viele Jahre als Präsident vorgestanden ist, sowie der Deutschen Gesellschaft für Sprach- und Stimmheilkunde (DGSS). Hunderte wissenschaftliche Vorträge und Publikationen haben sein Wissen und Wirken weltweit verbreitet.

Herr Prof. Heinemann bedankte sich für die Ernennung und nahm sie mit großer Freude an.

Göttingen, 25. Februar 2005

Ernennung: 2006 in Köln

Laudatio für Prof. Dr. phil. Otto Heller
anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie

Sehr geehrter Herr Präsident,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
lieber Herr Professor Heller,

Die Deutsche Gesellschaft für Audiologie hat beschlossen, Ihnen, sehr verehrter Herr Professor Heller die Ehrenmitgliedschaft zu verleihen.  Es ist mir eine große Ehre und eine große Freude, vor den hier versammelten Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Audiologie als einer Ihrer Schüler die Laudatio halten und den Beschluss der Gesellschaft begründen zu dürfen.

Mit Prof. Otto Heller ehrt die Deutsche Gesellschaft für Audiologie erstmals einen Psychologen. Prof. Heller ist Wahrnehmungspsychologe, ein leidenschaftlicher Phänomenologe und ein strenger Experimentalpsychologe. Die klare und vorurteilsfreie Beschreibung des Phänomens muss - so hat er uns damaligen Studenten und jungen Mitarbeitern eingeschärft - immer am Beginn einer wahrnehmungspsychologischen Untersuchung stehen.  Dann setzt das Experiment ein, das für ihn die wichtigste Forschungsmethode überhaupt ist. Man kann trefflich mit ihm über wissenschaftliche Fragen streiten, am Ende hat er einem immer in eine Diskussion darüber verwickelt, wie ein Experiment wohl aussehen müsste, das über diese Frage eine Entscheidung herbeiführen könnte.

Die Kunst der Phänomenanalyse und das eindeutige Bekenntnis zur empirischen Überprüfung von Hypothesen und fortwährendes Experimentieren sind die Voraussetzungen dafür, dass es ihm gelang, die Methode der Hörfeldskalierung in der Audiometrie als ein Instrument zu etablieren, das sich bei der audiologischen Diagnostik, insbesondere aber bei der Hörgeräteanpassung von großem Nutzen erwies. Der Begriff „Hörfeldskalierung“ wird immer mit dem Namen Otto Heller verbunden bleiben. Auch wenn mittlerweile verschiedene Varianten des Verfahrens mit differenzierenden Bezeichnungen auf dem Markt sind, ist doch der Kern geblieben, nämlich mit Hilfe direkter Skalierungsverfahren - genauer mittels der Methode der Kategorienunterteilung – das Lautstärkeempfinden der schwerhörigen Person im gesamten Hörfeld quantitativ zu beschreiben. Otto Heller war nicht der erste, der direkte Skalierung in der Audiometrie anwandte, aber er war der derjenige, der das Kategorienunterteilungsverfahren entwickelte und dieses heute in allen Lehrbücher der Audiometrie etablierte Verfahren theoretisch begründete, und zwar auf der Basis der psychologischen Bezugssystemtheorie. Diese theoretische Grundlegung wird auch in renommierten internationalen Lehrbüchern der Psychophysik anerkannt.

Lassen Sie uns kurz Prof. Hellers Lebensweg verfolgen: Prof. Heller hat vor wenigen Wochen seinen 81. Geburtstag gefeiert. Sein Geburtsjahr lässt sich mit dieser Information leicht errechnen. Was für ein Landsmann er ist, lässt sich gelegentlich an leichten Dialektfärbungen erahnen. Er ist Schwabe, aus dem Ludwigsburger Raum, ein „Schicksal“, das er mit Eberhard Zwicker teilt, mit dem er sich trotz sehr unterschiedlicher Auffassung über das Stevenssche Potenzgesetz gut verstand. Sein Studium der Psychologie begann er 1948 in den Wirren der Nachkriegszeit in Heidelberg. Er studierte bei Willy Hellpach, einem Psychologen und Arzt. Dieser war noch Schüler von Wilhelm Wundt, dem Begründer der Experimentellen Psychologie. Prof. Heller hatte ferner das große Glück, ein Jahr lang bei einem der bedeutendsten Psychologen und Wissenschaftler der damaligen Zeit studieren zu dürfen, nämlich bei Wolfgang Köhler, einem der Begründer der Gestaltpsychologie. Mit Köhler verband Heller ein sehr freundschaftliches, auf gegenseitigen Respekt gegründetes Verhältnis. Und man darf sagen, die Denkweise und wissenschaftliche Grundhaltung Otto Hellers ist in hohem Maße durch diesen großen, streng naturwissenschaftlich denkenden Psychologen geprägt worden.

Als wissenschaftlicher Assistent arbeitete er bei Wilhelm Witte, einem der Begründer der mathematischen Psychologie in Deutschland, und zwar an der Universität Tübingen. Durch Witte wurde er in die psychologische Bezugssystemtheorie eingeführt. Diese Theorie gründet auf der Gestaltpsychologie.

In Tübingen ereilte ihn 1971 der Ruf an die Universität Erlangen-Nürnberg und wenige Jahre später, nämlich 1975 an die Universität Würzburg, wo er den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie übernahm. In Würzburg verlagerte sich sein Forschungsschwerpunkt bald auf die auditive Wahrnehmung, nicht zuletzt auch angeregt durch die Zusammenarbeit mit der dortigen HNO- Universitätsklinik sowie durch den inspirierenden und freundschaftlichen wissenschaftlichen Austausch mit Prof. Horst Wullstein und dessen Frau, Prof. Sabrina Wullstein. In Würzburg widmete er sich bis zu seiner Emeritierung vor allem der Entwicklung der Hörfeldskalierung, aber auch der Sprachaudiometrie und Kinderaudiometrie. Die Forschungen Prof. Hellers zur Hörfeldskalierung wurden in umfangreichen Forschungsprojekten öffentlich gefördert. Prof. Heller hatte ferner zahlreiche Doktoranden und Doktorandinnen. Nicht alle arbeiteten auf akustischem bzw. audiologischem Gebiet, aber doch die meisten, und nicht wenige aus seinem Schülerkreis haben heute Professuren an deutschen und ausländischen Universitäten inne.

Ihren Durchbruch erlebte die Hörfeldskalierung infolge der  Entwicklung mikroprozessorgesteuerter Hörgeräte, deren Anpassung sich viel feiner abstimmen ließ als dies bei den früheren Geräten der Fall sein konnte. Es verwundert daher nicht, dass das Verfahren der Hörfeldskalierung in Audiometrie und Hörgeräteakustik bereitwillig aufgenommen und weiterentwickelt wurde und in der Praxis der Hörgeräteakustik Anwendung findet. Heute ist die Hörfeldskalierung wie bereits gesagt in der Audiometrie fest etabliert. Damit wurde durch Prof. Hellers Forschungsarbeit die Audiometrie und die Hörgeräteanpassung um ein wichtiges Instrument bereichert.

Lieber Herr Heller, viele wissen, dass Sie auch jetzt im reifen Alter eines Emeritus unermüdlich in Sachen Hörfeldskalierung, Sprach- und Kinderaudiometrie tätig sind, Untersuchungen anleiten, beraten und Vorträge halten. In den letzten Jahren haben Sie auch zunehmend Ihr eigenes Gehör, das nun leider auch Funktionsstörungen aufweist, als Experimentierfeld entdeckt und werden ihm – da bin ich sicher – wissenschaftliche Erkenntnisse entlocken. Wir wünschen alle, dass die Hörstörungen  die einzigen gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind und bleiben, und Sie noch viele Jahre bei guter Gesundheit in der Audiologie aktiv sind.

Meine Damen und Herren, haben Sie herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Jürgen Hellbrück
Köln, 10. März 2006

Ernennung: 2007 in Heidelberg

Laudatio für Prof. Dr. med. Manfried Hoke
anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie

In memoriam
Prof. Dr. med. Manfried Hoke (
1933-2006)

Kein Aufwand war ihm zu groß, wenn er mit Freude und Leidenschaft zuhause in der Küche stand, um seine Gäste im Stil eines Sternekochs mit einem mehrgängigen Menü zu verwöhnen. Das gleiche Streben nach Perfektion bestimmte seinen beruflichen Werdegang. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens prägte er die Audiologie sowohl national als auch international maßgeblich mit, und er erwarb dabei weltweite Reputation. Am 26. Juni starb er im Alter von 72 Jahren: Professor Dr. med. Manfried Hoke.

Manfried Hoke wurde am 6. September 1933 in Meißen geboren. Sein Vater, ein Lehrer, verstarb früh. In Meißen besuchte der junge Hoke von 1939 bis 1944 die Volksschule und von 1944 bis 1952 die Oberschule. Nach dem Abitur schrieb er sich an der Universität Jena ein, wo er zunächst Physik studierte, bald jedoch zur Medizin wechselte. Im Jahre 1955 ging er in den Westen und setzte sein Medizinstudium an der Universität Hamburg fort. Dort legte er 1958 die Ärztliche Prüfung ab und promovierte 1960 mit einer pharmakologischen Arbeit zum Thema „Eine Methode zur Testung der Spontaneität von Mäusen“ zum Doktor der Medizin. Hamburg blieb auch in den folgenden fünf Jahren sein Lebensmittelpunkt. Hier leistete er seine Medizinalassistentenzeit ab und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent am Pharmakologischen Institut. Im Jahre 1962 erhielt er die Ärztliche Approbation.

Das Jahr 1963 brachte eine entscheidende Wende. Er trat in Münster am Physiologischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an. Münster sollte für immer seine Heimatstadt werden. Sein Hauptinteresse galt nun der Physiologie des peripheren Hörsystems. Diese grundsätzliche Ausrichtung seiner wissenschaftlichen Arbeit blieb auch nach seinem 1966 erfolgten Wechsel in die Hals-Nasen-Ohrenklinik bestehen. Die wohl interessanteste Publikation dieser frühen Zeit ist aus heutiger Sicht eine Fallstudie aus dem Jahre 1970, in der er Prof. W. Kumpf als Koautor zur Seite stand (Arch. klin. exp. Ohren-Nasen-Kehlkopfheilkd. 196, 243-247). Der Artikel beschreibt, wie bei einer Patientin mittels Mikrofon und elektronischer Verstärkung ein im Ohr entstehender konstanter Ton mit einem scharfen Maximum bei 4 kHz gemessen wurde. Nahezu ein Jahrzehnt später sollte dieses Phänomen unter dem Namen ‚spontane otoakustische Emission’ bekannt werden.  Manfried Hokes primäres Interesse galt damals jedoch einem anderen Phänomen, den auditorisch evozierten Potentialen (AEP).

Angesichts der Contergan-Tragödie wurde zu dieser Zeit in Münster der Sonderforschungsbereich (SFB) 88 “Teratologische Forschung und Rehabilitation Mehrfachbehinderter” eingerichtet. Dieser SFB nahm 1970, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, seine Arbeit auf. Manfried Hoke wurde zunächst stellvertretender Sprecher und 1977 schließlich Sprecher dieses SFB. Sein eigenes Forschungsprojekt widmete sich der objektiven Audiometrie. Zunächst konzentrierte sich seine Arbeit auf die kochleären Mikrophonpotentiale. Er entwickelte ein auf der Fourier-Transformation basierendes Verfahren, welches die gleichzeitige Erfassung von Mikrophonpotentialen für neun Frequenzen ermöglichte. Das Verfahren erforderte eine exakte, computergesteuerte  Synchronisierung von Stimulation und Potentialmessung. In mancher Hinsicht wurden bei der technischen Realisierung Ideen vorweggenommen, die erst viele Jahre später für einen ganz anderen Zweck entwickelt wurden, nämlich für die Messung von Potentialen, die der Amplitudenmodulation des Stimulus folgen (amplitude modulation following responses, AMFR). Im Jahre 1973 erhielt Manfried Hoke unter anderem für diese Arbeit die venia legendi für das Fach „Experimentelle Audiologie.“ Er avancierte in dieser Zeit auch zu einem Computerexperten, der in der Lage war, seinen Rechner Honeywell DDP-516 in der maschinennahen Assembler-Sprache zu programmieren und sogar einfache Hardware-Reparaturen selbst vorzunehmen. Solche Fähigkeiten waren damals angesichts der knapp bemessenen Computer -Resourcen wertvoll. So musste ein Programm bei einem verfügbaren Speicher von nur 8 kByte buchstäblich mit jedem einzelnen Byte geizen. Eine 1971 vorgenommene Speichererweiterung um 16 kByte kostete nahezu das dreifache Jahresgehalt eines Wissenschaftlers! Heute würde Manfried Hoke wohl schmunzelnd, jedoch mit Interesse zur Kenntnis nehmen, dass ein Emulator seines alten „Honeywell -Schätzchens“ entwickelt wird, mit dem sich einige seiner alten Programme in einer Linux-Umgebung möglicherweise wieder zum Leben erwecken ließen.

Als einem Wissenschaftler, der stets nach einem tieferen Verständnis der physiologischen Grundlagen suchte, entging es Manfried Hoke nicht, dass die Interpretation kochleärer Mikrophonpotentiale des Menschen Schwierigkeiten mit sich bringt, und 1976 formulierte er seine Bedenken freimütig in einem wissenschaftlichen Artikel. Zunehmend wandte er sich fortan zwei anderen Potentialtypen zu, dem Summenaktionspotential des Hörnerven und den Hirnstammpotentialen. Im Jahre 1977 zum außerplanmäßigen Professor und kurz darauf zum wissenschaftlichen Rat und Professor ernannt, blieb es sein vordringliches Ziel, mittels objektiver Audiometrie frequenz- und ortsspezifische Aussagen über Hörstörungen zu ermöglichen. Frühzeitig erkannte er die große Bedeutung, die Signalverarbeitung und Modellbildung für sein Forschungsgebiet haben würden, und zusammen mit seiner Arbeitsgruppe verfolgte er nun zwei unterschiedliche Strategien. Zum einen wurden frequenzspezifische Stimulationstechniken entwickelt, zum anderen wurde nach Möglichkeiten gesucht, durch Nachverarbeitung der gemessenen Daten zu frequenzspezifischen Aussagen zu gelangen. Um die in den Messdaten unvermeidlich vorhandene Überlagerung von Potentialen unterschiedlichen Ursprungs aufzuheben, wurden Dekonvolutionstechniken herangezogen, welche auf inversen Berechnungen beruhen. Darüber hinaus wurden Signalverarbeitungsverfahren zur Verbesserung des Signal-Rausch -Verhältnisses der gemessenen Daten entwickelt.

Ein weiterer Wendepunkt in der Laufbahn von Manfried Hoke lässt sich etwa auf das Jahr 1984 datieren; allerdings erschließt sich dieser Wendepunkt nur bei retrospektiver Betrachtung. Ermutigt durch vielversprechende Publikationen über auditorisch evozierte Magnetfelder (AEF) erwarb er einen höchstempfindlichen Magnetfeldsensor. Wenngleich kaum zu erwarten war, dass eine einzelne Messung mit einem solchen Sensor entscheidende Vorteile gegenüber einer entsprechenden elektrischen Messung mit sich bringen würde, versprach eine synoptische Betrachtung von Messungen an verschiedenen Ableitorten einen völlig neuen und dabei absolut nicht-invasiven Einblick in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Sofern nämlich ein Magnetfeld seinen Ursprung in einer einzigen, räumlich umschriebenen neuronalen Quelle hat, lässt sich der Ort der Aktivität recht präzise aus dem räumlichen Muster der gemessenen Daten ermitteln. Die sich aus der einschränkenden Annahme ergebenden Implikationen wurden zunächst falsch eingeschätzt, so dass es zum Beispiel möglich erschien, die aus Tierversuchen bekannte tonotope Organisation kortikaler Areale (d.h. die Anordnung von Neuronen analog zur Tastatur eines Klaviers) auch beim Menschen nachzuweisen. Immerhin entfachte diese Fehleinschätzung Enthusiasmus für die neue Forschungsrichtung und beflügelte somit, zumindest indirekt, den enormen Aufschwung, den die Magnetenzephalographie (MEG) in den folgenden Jahren nahm. Manfried Hoke wurde zu einem der Pioniere und ‚global player’ auf diesem Gebiet.

Im Jahre 1986 erhielt Manfried Hokes Abteilung für Experimentelle Audiologie den Status eines selbständigen Institutes, und er selbst wurde zum Direktor ernannt. In dem jungen Institut gewann die MEG-Forschung zunehmend an Bedeutung, obwohl Messungen mit dem vorhandenen einkanaligen System ausgesprochen mühsam waren. Um die räumliche Verteilung des Magnetfeldes zu ermitteln, musste der Kopf eines Probanden in aufeinanderfolgenden Messungen Punkt für Punkt abgetastet werden, was mehrere Tage in Anspruch nahm. Die Ergebnisse fanden rasch internationale Anerkennung und schufen somit die Voraussetzung für Manfried Hokes nächste Unternehmung: die Etablierung einer von der DFG geförderten Klinischen Forschergruppe für Biomagnetismus und Biosignalanalyse. Im Jahre 1991 wurde ein 37-kanaliges Neuromagnetometersystem in einem speziell auf die Forschergruppe zugeschnittenen neuen Gebäude installiert. Noch im selben Jahr war Manfried Hoke Gastgeber der 8. Internationalen Konferenz für Biomagnetismus. Nun verfügte das Institut über eines der am besten ausgestatteten MEG-Labore der Welt und zog Gastwissenschaftler aus vielen Ländern an. Angesichts dieser Entwicklung verschob sich der Arbeitsschwerpunkt kontinuierlich von der Audiologie zum Neuroimaging. Im Jahre 1994 organisierte Manfried Hoke einen weiteren Weltkongress, die 5. Internationale Konferenz der ISBET (International Society for Brain Electromagnetic Topography).

Ungeachtet der Entwicklung seines Institutes kehrte Manfried Hoke der Audiologie niemals den Rücken. Ganz im Gegenteil! Im Jahre 1995 half er mit großem Elan, eine neue internationale Zeitschrift für Audiologie zu etablieren: Audiology & Neuro-Otology. Er wurde ihr erster Editor-in-Chief und trug maßgeblich dazu bei, dass sie im Ranking des Science Citation Index rasch zur Nummer 1 in der Kategorie Otorhinolaryngologie aufstieg. Im Jahre 1996 übernahm er die Initiative zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) und wurde zum ersten Präsidenten der Gesellschaft gewählt. Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1998 nahm er diese beiden Aufgaben noch über viele Jahre hinweg war.

Manfried Hoke erhielt bedeutende Auszeichnungen. Im Jahre 1987 wurde ihm für seine Forschung über die Reifung der zentralen Hörbahnen und die Tonotopie des Hörkortex der Ludwig-Haymann-Preis der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zugesprochen. Im selben Jahr erhielt er den Helmholtz-Preis für die Arbeit „Auditorisch evozierte Hirnstamm-Magnetfelder ausgelöst durch Stimulation mit kurzen Tonimpulsen.“ Im Jahre 1990 wurde er Ehrenmitglied der Italienischen Gesellschaft für Audiologie. Erwähnt sei an dieser Stelle außerdem, dass er von 1979 bis 1984 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Audiologen und Neurootologen (ADANO) war und von 1982 bis 1990 in der International Electric Response Audiometry Study Group (IERASG) als Schatzmeister und Herausgeber des ERA-Newsletter fungierte. Eine letzte Ehrung wurde ihm wenige Wochen vor seinem Tode zuteil, als er bereits von schwerer Krankheit gezeichnet war. Einstimmig ernannte ihn der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Audiologie zum Ehrenmitglied. Die offizielle Ehrung war für die nächste Jahrestagung der Gesellschaft vorgesehen, die 2007 im Verbund mit dem Kongress der European Federation of Audiology Societies (EFAS) in Heidelberg stattfinden wird. Leider war es ihm nicht mehr vergönnt, diese Ehrung entgegenzunehmen. Die persönliche Erinnerung wird jedoch bleiben und sein Schaffen wird noch lange in unserer Arbeit nachwirken.

Bernd Lütkenhöner
Münster

Zeitschrift für Audiologie, Jahrgang 45 Nr. 4/2006

Obituary, Audiology & Neurotology 2006; 11: 339-341

Ernennung: 2007 in Heidelberg

Laudatio auf Prof. Dr. med. Peter Paul Robert Plath
anlässlich der Ernennung zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Audiologie e.V. (DGA)

Hochverehrtes Präsidium, sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren, lieber Herr Professor Plath,

Es ist mir eine ganz besondere Freude und eine hohe Ehre, heute hier an dieser Stelle eine Laudatio halten zu dürfen. Ich komme dieser Einladung des Vorstandes deshalb besonders gern nach, da ich ein kleiner Teil der Lebensleistung des Geehrten bin. In den Jahren, da sich unsere Lebensräume besonders dicht berührten, hatte ich die Gelegenheit, einen Menschen kennenzulernen, der in seiner Authentizität immer ein Vorbild, um nicht zu sagen: väterliches Vorbild war. Doch beginnen wir die Geschichte von vorn.

Sie, lieber Herr Professor Plath, haben nie damit hinter dem Berg gehalten, dass Sie am 22. August 1933 in Narva (Estland) geboren wurden und dass Sie das Kriegsende auf der Flucht aus den Ostgebieten womöglich nur deswegen lebendig überstanden haben, weil Sie und Ihre Familie damals in Gotenhafen keinen Platz mehr auf der “Wilhelm Gustloff” gefunden haben und deren Schicksal und das vieler Flüchtlinge nicht teilen mussten. Doch waren die unruhigen Zeiten mit dem Erreichen von Kiel zum Kriegsende und der erneuten Flucht aus der “Sowjetisch besetzten Zone (SBZ)” noch nicht zu Ende. Erst in Bad Sachsa konnten Sie 1949 ein für damalige Verhältnisse normales Leben führen, die Oberschule und ein Internat besuchen und drei Jahre später das Abitur ablegen. Dieser Teil Ihres Lebenslaufes hat Sie geprägt und mich fasziniert, gab es doch verschiedene Parallelitäten.

Sofort nach dem Abitur 1952 begannen Sie mit dem Medizinstudium in Marburg, wechselten später nach Göttingen und schliesslich nach Düsseldorf. Nach Abschluss des Studiums 1957 wurden Sie zunächst Assistent im Physiologischen Institut der Universität Münster bei LERCHE, der Ihnen professionelle Kenntnisse und einen präzisen Arbeitsstil vermittelte. 1961 gingen Sie zur Facharztausbildung in der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde zu MEYER ZUM GOTTESBERGE wieder nach Düsseldorf, damals noch Medizinische Akademie, um anschliessend als Facharzt und Oberarzt an der RWTH Aachen bei EICKHOFF tätig zu werden, wo Sie sich 1969 habilitierten. In dieser Zeit hatten Sie sich bereits intensiv mit den Problemen derer beschäftigt, die durch Hörstörungen in der wesentlichsten menschlichen Kommunikation behindert sind. Ihre Vorlesungen und Veröffentlichungen aus dem Bereich der Hörbehinderten- und Sprachheilpädagogik legen davon Zeugnis ab.

Als Sie 1975 zum Chefarzt des Prosper-Hospitals in Recklinghausen ernannt wurden, der späteren HNO-Klinik der Ruhr-Universität Bochum am Prosper-Hospital in Recklinghausen, deren erster Lehrstuhlinhaber Sie 1977 wurden, hatten Sie bereits Erfahrung als kommissarischer Leiter der Aachener HNO-Klinik. Mit dieser Aufgabe waren Sie nach dem plötzlichen Tode EICKHOFFs 1972 beauftragt worden.

Als ich 1980 zu Ihnen stiess als noch nicht ganz fertiger Facharzt, da wollten Sie mir nichts versprechen, aber Sie eröffneten mir so viele Möglichkeiten, dass die Aeusserlichkeiten der Umgebung hinter den Zukunftschancen verblassten. Sie schafften es, aus einem Städtischen Krankenhaus mit leicht provinziellem Anstrich und tiefgreifenden Bergschäden eine anerkannte Universitäts-HNO-Klinik zu formen, nicht zuletzt durch Ihren Einsatz als Aerztlicher Direktor. Für diese Zeit möchte ich Ihnen persönlich sehr herzlich danken. Sie blieben bis zu Ihrer Emeritierung 1999 Chefarzt und Lehrstuhlinhaber der Universitäts-HNO-Klinik der RUB am Prosper-Hospital in Recklingheusen und erbrachten ohne grosses Aufsehen herausragende Leistungen.

In zahlreiche nationale und internationale Gremien und Kommissionen als Präsident, Vizepräsident und Vorsitzender haben Sie Ihr Sachwissen und Ihre Kompetenz eingebracht. Stellvertretend seien hier die GEERS-Stiftung, das BIAP und die “Kommission Audiometrie und Hörprothetik” der ADANO genannt. Selbst dem mit Ihnen eng Verbundenen ist die Fülle der Tätigkeiten nicht immer offenbar geworden. Immer war es faszinierend zu erleben, dass Sie zwischen der wissenschaftlichen Theorie und ihren Forschungsergebnissen, der technischen Umsetzung und der praktischen Anwendung sowie den bürokratischen Grundlagen für die Durchführung einen Weg gefunden haben, der an Rationalität und Praktikabilität orientiert war. Daneben haben Sie in einer sehr grossen Zahl von Büchern, Buchbeiträgen und wissenschaftlichen Publikationen Ihre Fachkompetenz umfangreich dargelegt.

Auch im direkten Kontakt als Arzt, Lehrer, Forscher und Mensch haben Sie stets eine hohe Seriosität und Verlässlichkeit an den Tag gelegt, die von allen, die mit Ihnen zusammenarbeiteten, so sehr geschätzt wurde. Dafür sind Sie bereits durch zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen gewürdigt worden bis hin zum Bundesverdienstkreuz, das Sie persönlich jedoch der goldenen Ehrennadel des Schwerhörigenbundes in der Wertschätzuung unterordneten. Hier sollen auch Ihr persönlicher Einsatz bei der Förderung von Selbsthilfegruppen und in der Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Kehlkopflosen Erwähnung finden. Die Dankbarkeit von unzähligen Menschen, die unter Problemen mit Schwerhörigkeit und Kommunikationsstörungen leiden und denen Sie durch Ihre Lebensarbeit Hilfe und Hoffnung gegeben haben, ist mit einem Orden nicht zu ersetzen.

Wenn ich einführend sagte, dass Sie für mich ein väterliches Vorbild waren, dann beinhaltet das auch die Möglichkeit von unterschiedlichen Auffassungen zwischen den Generationen, die von sich glauben, immer alles besser machen zu können. Sie blieben sich treu, waren fair und offen und hatten keinen Grund, sich entschuldigen zu müssen.

Zu Recht hat Ihnen die Deutsche Gesellschaft für Audiologie, an deren Entstehung Sie massgeblich beteiligt waren, die Ehrenmitgliedschaft verliehen und damit einen kleinen Teil des Dankes für Ihr Lebenswerk ausgedrückt. Herzlichen Glückwunsch!

Prof. Dr. med. Reinhard G. Matschke
Heidelberg, 2007

Ernennung: 2008 in Kiel

Laudatio anlässlich der Verleihung der DGA- Ehrenmitgliedschaft an
Prof. Dr. rer. nat. Hellmut von Specht

Hellmut von Specht wurde 1941 in Leipzig geboren. Nachdem dem Abitur studierte er Physik an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. Das Physikstudium schloss er 1964 (also im Alter von 23 Jahren) mit dem Diplom ab und war bis 1970 als Assistent am Physikalischen Institut in Greifswald tätig. 1971 erfolgte die Promotion zum Dr.rer.nat. an der Universität Greifswald mit einer experimentellen Dissertation auf dem Gebiet der Gasentladung.

Inzwischen war Hellmut von Specht 1970 von Professor Oeken an die HNO-Klinik der Medizinischen Akademie nach Magdeburg geholt worden, wo er zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, später dann bis 1992 als Oberassistent tätig war. 1977 wurde von Specht  in Magdeburg habilitiert mit einer Arbeit auf dem Gebiet der „Objektivierung psycho-akustischer Messungen mit langsamen akustisch evozierten Potentialen“. Damit hatte er sich in kurzer Zeit von der Physik der Gasentladung hin zur klinischen und experimentellen Elektrophysiologie spezialisiert. Dies war angesichts der schwierigen Verhältnisse bezüglich der Gerätebeschaffung in der damaligen DDR eine beachtenswerte Leistung – schließlich mussten Messeinrichtungen dieser Art von Grund auf selbst entwickelt und funktionsfähig gehalten werden.

Zwei Faktoren waren wohl für diese Entwicklung maßgeblich: die wohlwollende und wirkungsvolle Förderung durch Professor Oeken und die Faszination, die für Hellmut von Specht von der Möglichkeit ausging, seine Forschungsergebnisse unmittelbar in die tägliche klinische Arbeit einfließen zu lassen.

In den 80er Jahren hat von Specht in Magdeburg eine leistungsfähige Arbeitsgruppe für klinische und experimentelle Audiologie aufgebaut. Mit den daraus hervorgegangenen Arbeiten hat er sich und der Magdeburger Audiologie weithin einen Namen gemacht. Dies wurde ihm unter den gegebenen Umständen nicht einfach gemacht, da er in dem damaligen System parteipolitisch nicht verankert war. Aus dieser Situation entwickelte sich eine echte Magdeburger Spezialität, die wohl einmalig in Deutschland und vielleicht auch darüber hinaus war: nämlich das Modell, die komplette vorklinische Physikausbildung des Medizinstudiums aus der audiologischen Arbeitsgruppe heraus zu bestreiten. So kam es nicht von ungefähr, dass Magdeburg zum audiologischen Standort mit der höchsten Physikerdichte in Deutschland wurde. Diese einmalige Konstellation war sowohl für die klinische Arbeit wie auch für die audiologische Forschung an der Magdeburger Klinik von großem Vorteil, und hat auch dazu beigetragen, dass aus der von Specht´schen Schule zahlreiche Schüler mit naturwissenschaftlicher Promotion hervorgegangen sind und eine Vielzahl medizinischer Doktorarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Vielfach unbekannt sind die Verdienste von Hellmut von Specht um das Hörscreening von Neugeborenen mittels Früher Akustisch Evozierter Potenziale. Zusammen mit dem unvergessenen Achim Pethe hat er in den frühen 80er Jahren ein portables BERA-System entwickelt, mit der schon damals ein Hörscreening bei Frühgeborenen durchgeführt wurde - zu einer Zeit, als das Wort "Hörscreening" noch nicht in aller Munde war. Dieses BERA-System war unter den damaligen Bedingungen in der DDR eine technische Meisterleistung und vermutlich die erste mobile Anlage in Deutschland.

Unbedingt erwähnenswert ist auch die wissenschaftliche Kooperation mit den Kollegen aus Tiflis – speziell mit Professor Kevanishvili. Diese Zusammenarbeit wurde bereits in den 70er Jahren begonnen und bis in die Gegenwart fortgeführt. Die erste gelistete Publikation aus dieser Forschungsliaison erschien 1976 in der renommierten Zeitschrift Nature. In den Anfängen wurde die Kooperation dadurch befördert, dass die sowjetischen Akademie-Institute über die neueste EEG-Messtechnik verfügten. Nach der politischen Wende kehrte sich die Interessenlage um, und so konnten die georgischen Kollegen von Forschungsaufenthalten in Magdeburg profitieren.

Angesichts dieser akademischen Karriere war es nur folgerichtig, dass von Specht 1988 die Lehrbefugnis für das Fach Audiologie erhielt und 1989 - im Jahr der politischen Wende - zum Leiter der Abteilung für Experimentelle Audiologie und Medizinische Physik ernannt wurde. 1992 erfolgte dann die Berufung zum Professor für das Gebiet “Experimentelle Audiologie” an der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Damit war sozusagen die zweite Phase der Magdeburger Zeit für Hellmut von Specht angebrochen, die neben der klinischen und wissenschaftlichen Arbeit in starkem Maße nun auch durch hochschulpolitisches Engagement gekennzeichnet war. Von Specht fungierte von 1993-2002 als Senator der Universität Magdeburg und bekleidete von 1994-1996 das Amt des Prorektors für Forschungsangelegenheiten. Selbstverständlich gehörte Hellmut von Specht 1996 zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Audiologie und hatte später verschiedene Vorstandsämter in der ADANO inne.

Damit war Hellmut von Specht bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2006 und darüber hinaus die Galionsfigur der Magdeburger Audiologie. So überrascht es nicht, dass er auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Universitätsdienst noch zahlreiche Ämter und Funktionen inne hat: so fungiert er z.B. seit 2002 als Vorsitzender der Geers-Stiftung, ist Mitglied der Schriftleitung der Zeitschrift für Audiologie und, und, und ….

Kurzum: Hellmut von Specht ist der Audiologie bis auf den heutigen Tag treu geblieben.

Doch es wäre sicher zu kurz gegriffen, nur die audiologischen Facetten von Hellmut von Specht zu würdigen, denn er ist gewiss eine multidimensionale Persönlichkeit: der Natur verbunden (speziell dem Hausgarten im Marsweg), handwerkliches Geschick (oft ausgereizt bis zur Perfektion) und das Interesse an der Familienforschung runden das Bild des Menschen Hellmut von Specht ab. An der Seite seiner Ehefrau Brigitte und eingebettet in seine Familie ist Helmut von Specht vielen Kollegen über die Audiologie hinaus ein lieber Freund geworden.

So bleibt mir abschließend nur eines zu sagen:

Hellmut, Du hast Dich um die Audiologie in Deutschland verdient gemacht und wir hoffen, dass Du der Audiologie auch als DGA-Ehrenmitglied noch lange verbunden bleiben wirst!

Jürgen Kießling
Kiel, 7. März 2008

Ernennung: 2009 in Innsbruck

Laudatio anlässlich der Verleihung der DGA- Ehrenmitgliedschaft an
Prof. Dr. Kunigunde Welzl-Müller

>> Präsentationsfolien

Prof. Dr. R. Probst
13.3.2009, Innsbruck

Ernennung: 2010 in Frankfurt

Laudatio anlässlich der Verleihung der DGA-Ehrenmitgliedschaft an
Prof. Dr. phil. Hasso von Wedel

Lieber Hasso,

Deine Verdienste um die Deutsche Gesellschaft für Audiologie und die Entwicklung unseres Fachgebiets sind allseits anerkannt und unbestritten. Deshalb ist Deine heutige Würdigung mit der Verleihung der DGA-Ehrenmitgliedschaft ein logischer, folgerichtiger Schritt und eine passende Gelegenheit, Deinen beruflichen Werdegang Revue passieren zu lassen.

1943 in Kolberg geboren und in verschiedenen Regionen Deutschlands aufgewachsen, studierte Hasso von Wedel zunächst Nachrichtentechnik an der RWTH Aachen. Als er sein Ingenieur-Diplom in der Tasche hatte, reizte ihn der Blick in den Kosmos und er verschrieb sich zunächst der Radioastronomie. Doch offenbar konnten ihn die kosmischen Dimensionen nicht dauerhaft fesseln und so kam es, wie es kommen musste: von Wedel landete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Audiologischen Abteilung der Universitäts-HNO-Klinik Bonn, um sich dort dem Kleinen und Feinen - nämlich unserem Gehör - zu widmen.

Doch wer Hasso von Wedel und seinen Hang zur Interdisziplinarität kennt, den wundert es nicht, dass seine Vita in starkem Maße vom Interesse an benachbarten Arbeitsgebieten beeinflusst wurde. So nahm er begleitend zur klinischen Tätigkeit das Studium der Phonetik und Kommunikationsforschung an der Universität Bonn auf, das er drei Jahre später mit der Promotion zum Dr. phil. abschließen konnte. Damit war der Grundstein gelegt für eine wissenschaftliche Karriere, die durch interdisziplinäres Wirken nachhaltig geprägt sein sollte. Dieser Periode entstammen zahlreiche Publikationen und Vorträgen zu audiologischen und kommunikationswissenschaftlichen Themen, womit sich von Wedel im In- und Ausland einen Namen gemacht hat.

Wohl kaum ein anderer klinischer Audiologe im deutschsprachigen Raum hat auf derart zahlreichen Arbeitsgebieten geforscht und publiziert wie Hasso von Wedel. Trotz dieser thematischen Vielfalt hat er es geschafft, unterschiedlichste Fragestellungen mit beachtlichem Tiefgang zu bearbeiten. Einer dieser Schwerpunkte galt der Erforschung des auditorischen Zeitauflösungsvermögens, was auch durch seine Habilitationsschrift zum Thema »Ein Beitrag zum Zeitauflösungsvermögen des Gehörs« dokumentiert wird. Mit dieser Arbeit erhielt er 1982 die Lehrbefugnis im Fach Audiologie und wurde zum Privatdozenten ernannt.

Damit war für Hasso von Wedel der Weg geebnet, die Leitung der Abteilung für Audiologie an der Bonner HNO-Klinik zu übernehmen. In dieser Funktion wirkte er vier Jahre, bevor er 1986 die Leitung der Audiologie und Pädaudiologie an der Universitäts-HNO-Klinik Köln übernahm und dort 1987 zum Professor ernannt wurde. Bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2008 hat Hasso von Wedel an der Universität Köln die Fächer Audiologie und Pädaudiologie in Klinik, Forschung und Lehre vertreten. Doch von Wedel wäre nicht von Wedel, wenn er sich danach komplett zurückgezogen hätte. So arbeitet er noch regelmäßig im Kölner Jean-Uhrmacher-Institut und ist bekanntermaßen auch in der audiologischen Grundversorgung in Bonn tätig.

Die wissenschaftliche Vita von Hasso von Wedel ist neben einer vielfältigen Lehrtätigkeit durch zahlreiche Forschungsvorhaben gekennzeichnet, die er verantwortlich geleitet oder an denen er maßgeblich beteiligt war. Die Bedeutung seiner Forschungstätigkeit wird dadurch unterstrichen, dass zahlreiche seiner Projekte von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, verschiedenen Bundes- und Landesministerien wie auch anderen Institutionen großzügig gefördert wurden. Mehrere längere Auslandsaufenthalte boten Hasso von Wedel Gelegenheit, seine Forschungsergebnisse international zu präsentieren und mit neuen Anregungen für die weitere Arbeit zurückzukehren. Über zweihundert wissenschaftliche Publikationen, eine noch größere Zahl von Vorträgen und Referaten im In- und Ausland sowie verschiedene Ehrungen belegen eindrucksvoll das akademische Wirken von Hasso von Wedel.

Stellvertretend für seine zahlreichen Funktionen und Ämter sei erwähnt, dass von Wedel selbstverständlich Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) ist und auch an der Entstehung des International Collegium of Rehabilitative Audiology (ICRA) sowie des European Federation of Audiology Societies (EFAS) beteiligt war. Damit hat er in starkem Maße dazu beigetragen, der deutschen Audiologie auch international Gehör zu verschaffen. Darüber hinaus ist Hasso von Wedel seit mehr als drei Jahrzehnten Mitglied der Arbeitsgemeinschaft deutschsprachiger Audiologen und Neurootologen (ADANO) und seit 1988 Mitherausgeber der Zeitschrift für Audiologie.

Trotz seiner vielfältigen beruflichen Aktivitäten und Erfolge hat sich Hasso von Wedel stets ein differenziertes Verhältnis zur Berufswelt bewahrt und weiß den Wert anderer Lebensbereiche zu schätzen. Mit einem erfüllten Familienleben als Basis ist es ihm immer gelungen, die erforderliche Distanz zu den beruflichen Herausforderungen zu behalten und gleichwohl präsent zu sein, wenn es galt fachlich oder berufspolitisch aktiv zu werden.

Alle, die sich Hasso von Wedel beruflich und freundschaftlich verbunden fühlen, schätzen seine Verlässlichkeit und Warmherzigkeit. Aber auch diejenigen, die sich mit ihm auseinander setzen mussten, werden seine Offenheit und Geradlinigkeit zu würdigen wissen. Auch bei Problemen mit komplexer Interessenlage hat er sich nie gescheut, sich einzumischen und die Belange der Audiologie mit offenem Visier zu vertreten. Dafür gebührt Hasso von Wedel unser Respekt und der herzliche Dank unserer Gesellschaft, der in der heutigen Ehrung einen würdigen Ausdruck findet.

Wir, die wir in verschiedenen Bereichen mit dir, lieber Hasso, zusammenarbeiten durften und dürfen, wünschen uns, dass du so bleibst wie du bist: offen, verlässlich und herzlich. Mit Deinem fast 40-jährigen beruflichen Wirken hast Du maßgeblich zur Entwicklung der Audiologie in Deutschland beigetragen. Deshalb hoffen und wünschen wir, dass Du das auch weiterhin tun wirst und unserem Fach und der DGA noch lange verbunden bleiben wirst – eingebettet in Deine Familie und Dein Netzwerk von Freunden und langjährigen Weggefährten!

Jürgen Kießling
Frankfurt, 19. März 2010

Ernennung: 2011 in Jena

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Professor Dr. Karin Ursula Schorn, München

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Heute gilt es, eine Kollegin zu ehren, die wesentliche Verdienste auf dem Fachgebiet der Audiologie hat - mit ihrer geleisteten Arbeit als klinische Audiologin. Dabei hat sie immer wieder Neuland beschritten, mit steter Neugier und Pioniergeist - und trug somit zu Erkenntnissen bei, die heute in klinisch- audiologischen Routinemethoden ihre Anwendung finden. Schließlich war es ihr unermüdliches Engagement, sich für die Anerkennung des Faches Audiologie als Spezialgebiet und dessen zunehmender Bedeutung einzusetzen.

Nun besteht heute die besondere Situation, dass Im Anschluss ein weiteres Ehrenmitglied der DGA ernannt wird, nämlich Herr Prof. Hugo Fastl, der mit Frau Prof. Schorn über 20 Jahre wissenschaftlich fruchtbar zusammengearbeitet hat.

Bei zahlreichen Forschungsvorhaben, beispielsweise zur Frequenzauflösung, zu Pegelunterschiedsschwellen oder bei Untersuchungen zur Zeitauflösung hatten Fastl und Schorn gemeinsame Forschung betrieben. Bei Frau Schorns Forschungsaktivitäten kam ein weiterer hoch geachteter Wissenschaftler hinzu, der Psychoakustiker Eberhard Zwicker, mit dem sie gemeinsam otoakustische Emissionen untersuchte, noch zu Zeiten vor David Kemps Veröffentlichungen. Dabei konnten bei Frau Schorn, nach ihrer Auskunft, seinerzeit ausgeprägte otoakustische Emissionen nachgewiesen werden - sicher wohl ein Beweis ihrer Jugend - wissen wir doch, dass vor allem bei jungen Probanden häufig besonders ausgeprägte Emissionen nachgewiesen werden können. Ein wesentliches Interessensfeld ihrer wissenschaftlichen und klinisch-audiologischen Tätigkeit waren die objektiven Messmethoden zur Hörgeräteanpassung von Kleinkindern.

Nun aber erst einmal zurück zu ihrer klinischen und wissenschaftlichen Laufbahn. Unkonventionell war sicherlich ihr Weg bis zu ihrer Etablierung als klinische Audiologin.

Im Medizinstudium in München setzte sie gerne zunächst andere Schwerpunkte, nämlich anstelle des Hörsaals bevorzugte sie im Sommer häufiger den Badestrand am einschlägig bekannten Isar-Eck. Und sie wählte eine so gar nicht audiologische Thematik bei ihrer Habilitation, die lautete: “Zur Enzymologie des Nasensekretes”. Damit ließ sich für Außenstehende nicht unbedingt ihr Interesse für die Audiologie primär erkennen. Aber wahrscheinlich hatte sie im besten Sinne des Wortes dann doch irgendwann die Nase voll von diesem Wissenschaftszweige und offenbar schon andere Felder im Ohr? Sie machte nie einen Hehl daraus, dass ihr Interesse wohl immer mehr der Otologie als der Rhinologie galt. Aber vielleicht hatte sie damals einfach schon den richtigen Riecher (um beim dem Wortspiel zu bleiben) für das spannende und sich enorm entwickelnde Gebiet der Otologie und Akustik und somit auch der klinischen Audiologie?!

Frau Schorn wurde als ausgebildete HNO-Fachärztin 1976 Leiterin der Audiologie an der Univ.-HNO- Klinik in München und arbeitete seit dieser Zelt eng mit Hugo Fastl und Eberhard Zwicker zusammen. Sie galt dabei als klinischer Part in der Runde der beiden Psychoakustiker. So kann man wohl mit Recht vom “Dreigestirn” sprechen, das definitionsgemäß als Gruppe sich gegenseitig unterstützender Wissenschaftler allgemeinhin gilt.

Aber heute zu gerade begonnener Fastenzeit, kurz nach dem Höhepunkt der Faschings- bzw. Karnevalszeit. darf man wohl noch den Terminus des “Dreigestirns” benutzen. Wer nun den Prinzen und wer den Bauern hierbei darstellte, sei dahin gestellt, die 3. Figur ist hier jedenfalls klar zuzuordnen!

Karin Schorn wurde 1979 zur Professorin für Klinische und Experimentelle Audiologie und Pädaudiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Sie arbeitete in der Folgezeit bei zahlreichen Projekten, beispielsweise auch bei der Entwicklung des Vorläufers eines implantierbaren Hörgerätes oder einem Cochlea-Implantatsystem in der Münchner Gruppe in Grosshadern mit. Ihr Hauptinteresse galt jedoch sicherlich unbestritten auch der Hörgeräteversorgung im Kindes- und Erwachsenenalter mittels objektiver Verfahren.

Frau Prof. Schorn war über 12 bzw. 15 Jahre, wieder zumeist mit Hugo Fastl, für SFB-Projekte mitverantwortlich, so beispielsweise für den SFB “Kybernetik” oder “Hören und Vertebraten”. Hieraus sind zahlreiche wissenschaftliche Publikationen sowie Vorträge auf nationalen und internationalen Kongressen hervorgegangen, die ihr entsprechende Anerkennung in der Fachwelt brachten.

Ein wesentliches Verdienst von Frau Schorn ist ihr unermüdliches Engagement bei Berufs- und standespolitischen Belangen für die Weiterentwicklung der Audiologie und Pädaudiologie in zahlreichen Organisationen und wissenschaftlichen Fachgesellschaften. So war sie beispielsweise Vertreterin für Deutschland bei der IAPA und als Sekretärin bzw. Geschäftsführerin bei der ADANO sowie bei den Vertretungen der Hörgeräteakustik und last but noch least auch Vorstandsmitglied und Schatzmeisterin bei der DGA in den ersten Jahren nach Gründung der Gesellschaft. Nicht zu vergessen - auch hier war sie wieder mit ein Wegbereiter, nämlich als Gründungsmitglied der DGA mit der Mitgliedsnummer 3 (wieder also die magische Drei?!).

Frau Karin Schorn hat sich in ihrer klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit über viele Jahre durch zahlreiche Aktivitäten einen Namen gemacht und hohe Anerkennung erlangt. Sie war nicht immer für jeden Kollegen bequem. Sie hielt nicht mit Kritik hinter dem Berg, wenn sie es für angebracht hielt - und kämpfte für die Sache, wenn sie davon überzeugt war, aber nie unfair oder angriffig. Frau Prof. Schorn hat als ausgebildete HNO-Fachärztin und kompetente Audiologin stets die Brücke zwischen Klinik, Naturwissenschaft und Technik sowie Pädagogik geschlagen und die notwendige interdisziplinäre Zusammenarbeit erkannt und gesucht. Damit hat sie wesentlich zum Gedeihen unseres Fachgebietes und der Anerkennung der Audiologie in Klinik und Wissenschaft beigetragen.

Somit ist es auch nur eine logische Folge für unsere Fachgesellschaft, Frau Prof. Karin Schorn die Ehrenmitgliedschaft heute anzutragen. Wir freuen uns, dass sie diese Ehrung annimmt und für mich persönlich ist es eine besondere Freude, dass ich als amtierender Präsident der DGA diese Ehrung persönlich überreichen darf.

Herzlichen Glückwunsch liebe Frau Kollegin Schorn, alles erdenklich Gute liebe Karin!

Prof. Dr. Patrick Zorowka
Jena, 11. März 2011

Ernennung: 2012 in Erlangen

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an Professor Dr. Hugo Fastl, München

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude und Ehre, die Laudatio für ein bayrisches Urgestein der Akustik, nämlich unseren sehr verehrten, lieben Kollegen Professor Dr.-Ing. Hugo Fastl halten zu dürfen, der bedauerlicherweise aus gesundheitlichen Gründen heute nicht anwesend sein kann. Hugo Fastl ist der wohl bekannteste lebende deutsche Psychoakustiker weltweit und das jüngste Mitglied des berühmten Münchner Dreigestirns der Psychoakustik Zwicker-Terhardt-Fastl (die jeweils etwa 10 Jahre Altersunterschied haben) und von denen unser sehr verehrter Herr Kollege Ernst Terhardt vor gut 10 Jahren ebenfalls die Ehrenmitgliedschaft verliehen bekommen hat.

Um ein Haar wäre Hugo Fastl gar nicht Akustik-Professor, sondern Berufsmusiker geworden, weil er 1969 an der Musikhochschule München sein Studium zum professionellen Kontrabassisten abgeschlossen hat, sich aber gleichzeitig mit dem Studium der Elektrotechnik (das er 1970 abschloß) die Option auf eine Wissenschaftler-Karriere offen hielt. Was ihn schließlich den oft hoch idealisierten Beruf des Orchestermusikers aufgeben ließ, war nicht etwa der dort produzierte Lärm (mit dem er sich später wissenschaftlich auseinandersetzte) und auch nicht die sehr limitierte Tonerzeugung mit klassischen Musikinstrumenten (auch darüber hat er später mit Helmut Fleischer zusammen wissenschaftlich gearbeitet), sondern die aus seiner Sicht erschreckende professionelle Abstumpfung der Musiker-Kollegen, denen die Brotzeit und strikte Einhaltung der Arbeitszeit oft wichtiger war als der musikalische Ausdruck. Gott sei dank, möchte man im Nachhinein sagen, war die Einstellung zum Inhalt der Arbeit am Lehrstuhl von Professor Zwicker eine ganz andere, so daß Hugo Fastl sich zu einer Dissertation über psychoakustische Zeiteffekte dort entschloß, die er bereits 1974 abschloß. Aufgrund seiner 1981 fertig gestellten Habilitationsschrift „Beschreibung dynamischer Hörempfindungen anhand von Mithörschwellen-Mustern“, die zum Standardwerk der psychoakustischen Zeiteffekte gehört, bin ich dann auch zum ersten Mal persönlich mit ihm auf der DAGA 1981 in Berlin in Kontakt gekommen: Es war mein erster wissenschaftlicher Vortrag vor größerem Publikum, vielleicht etwas verworren, aber Hugo Fastl schien der einzige Zuhörer in dem Auditorium zu sein, der meinen Vortrag über binaurale Zeiteffekte auf Anhieb verstand und mir wertvolle Tipps geben konnte – das war der Anfangspunkt einer langen kollegialen Freundschaft und den Riesen-Respekt, den ich Hugo Fastl seit jeher entgegenbringe: Schließlich gibt es kaum einen Hörforscher, der so viele unterschiedliche Gebiete wie psychoakustische Modellierung, musikalische Akustik, Lärmforschung, audiovisuelle Interaktion und Mensch-Maschine Kommunikation bis hin zum Sound Design so beherrscht wie er. So untersuchte er beispielsweise zusammen mit Helmut Fleischer die Impedanz des Cello oder verglich zusammen mit Kuwano und Namba die Lärmempfindlichkeit von japanischen und deutschen Versuchspersonen, führte entscheidende Arbeiten zur Modellierung und Standardisierung der Lauheitswahrnehmung durch (z.B. anhand des von Josef Chalupper und ihm entwickelten dynamischen Lautheitsmodells) und ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die Eigengeräusche der Produkte eines bekannten süddeutschen Autobauers so „edel“ klingen (z.B. beim Türschlagen oder beim elektrischen Fensterhebern), dass der Kunde gern ein paar tausend Euro extra investiert.

In der Audiologie und audiologischen Akustik ist er vor allem mit unserem anderen frisch ernannten Ehrenmitglied, Frau Professor Schorn, bei der Erforschung der Zeit- und Frequenzauflösung von Innenohrschwerhörigen international hervorgetreten und ist vielen Audiologen bekannt als der Erfinder des fluktuierenden, nach ihm benannten Fastl-Rauschens. Dieses in seiner Einhüllenden-Statistik einem einzelnen Sprecher nachempfundene, etwas nervig anzuhörende fluktuierende Rauschen hat die äußerst nützliche Eigenschaft, daß Innenohrschwerhörende eine wesentlich schlechtere Sprachverständlichkeitsschwelle aufweisen als Normalhörende, d. h. sie können bei Weitem nicht so gut „in die Lücken hineinhören“. Deshalb hat unter anderem ein großer süddeutscher Hörgerätehersteller dieses Rauschen auch zur Grundlage eines Internet-basierten Screening-Tests für Schwerhörigkeit auserkoren.

Dies zeigt bereits, daß viele der Arbeiten von Hugo Fastl nicht nur von wissenschaftlicher, sondern auch von großer praktischer Bedeutung sind und daß er zusammen mit seinen vielen Studenten und bisher 18 Doktoranden einen hervorragenden Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis zu spannen verstanden hat. So hat Hugo Fastl über 300 wissenschaftliche Beiträge geschrieben und mit dem Zwicker-Fastl-Lehrbuch, das ab der dritten Auflage das Fastl-Zwicker-Lehrbuch über „Facts and models of hearing“ geworden ist, hat er den internationalen Standard der Psychoakustik geprägt, von dem sich solche wichtigen Errungenschaften wie die MP3-Kodierung ableiten. Die Deutsche Gesellschaft für Audiologie ist daher nicht als erste auf die Idee gekommen, sein gewichtiges wissenschaftliches Werk auszuzeichnen: Bereits 1983 wurde ihm der ITG-Preis verliehen (den er 2009 erneut, diesmal zusammen mit Bernhard Seeber, verliehen bekommen hat), 1991 der Förderpreis der Forschungsgemeinschaft Deutscher Hörgeräteakustiker, 1998 der Research Award der Japan Society for the Promotion of Science, 2003 die Rayleigh Medaille des britischen Institute of Acoustics, sowie 2010 mit der Helmholtz -Medaille die höchste Auszeichnung für deutschsprachige Akustiker.

Doch diese wissenschaftlichen Meriten sind es nicht allein, die Hugo Fastl als herausragenden Forscher und über viele Disziplinen hinweg hochverehrten Kollegen auszeichnen: So hat er an der TU München als akademischer Oberrat und Direktor unter den bisher zwei Nachfolgern von Prof. Zwicker es nicht immer leicht gehabt, seine eigene Linie zu verfolgen. Die erst relativ späte Verleihung des Titels „Privatdozent“ und „Professor“ (7 bzw. 10 Jahre nach seiner Habilitation) zeugt davon, dass der Prophet in der eigenen Universität nicht immer nach seiner Fähigkeit und internationalen Reputation beurteilt wird. Dieses Phänomen ist ja auch andernorts in dem nicht immer einfachen Verhältnis zwischen Medizinern und Nicht-Medizinern durchaus präsent. Dennoch hat sich Hugo Fastl unbeirrbar für die Sache der Akustik und Audiologie kontinuierlich engagiert, war u.a. langjähriger Schatzmeister und auch Präsident der deutschen Gesellschaft für Akustik und hat mehrere nationale und internationale Akustiker-Tagungen organisiert und auch geleitet.  Dabei gibt es auch ein paar weniger bekannte Facetten seiner besonderen Persönlichkeit: Wer weiß etwa, dass Hugo Fastl als Teil der Bayerischen Sandmännchen Musik die Kinder täglich in den Schlaf wiegt, oder dass er als Zither-Spieler in einer traditionellen bayrischen „Stubenmusi“ auf so mancher Berghütte die Luft zum Glühen bringt?

Meine Damen und Herren, wer Hugo Fastl mit seiner herzlichen und zugleich sehr kompetenten aber dennoch bescheidenen und verbindlichen Art kennt und gleichzeitig die Breite und Tiefe seines immensen wissenschaftlichen Lebenswerks erahnen kann  ist mit mir sicher einer Meinung:

Mit Professor Dr.-Ing. Hugo Fastl verleiht die Deutsche Gesellschaft für Audiologie ihre Ehrenmitgliedschaft einem, der es wirklich verdient hat!

Lieber Hugo, herzlichen Glückwunsch für die Erteilung der Ehrenmitgliedschaft der DGA und vielen Dank für all das Großartige, das Du für die Audiologie und für unsere Gesellschaft bisher geleistet hast!

Jena, 11. März 2011
Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier

Ernennung: 2013 in Rostock

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Frau Priv.Doz. Dr.Dr. hc. Ingeborg Hochmair-Desoyer, Innsbruck

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Audiologie
und vor allen Dingen: liebe Ingeborg Hochmair-Desoyer,

es gibt wenige Persönlichkeiten, die mehrere Tätigkeiten und auch mehrere Karrieren quasi gleichzeitig meistern, und die daher als besonders herausragend wahrgenommen werden. Napoleon soll beispielsweise drei Dinge gleichzeitig ausführen gekonnt haben, der amerikanische Präsident Herbert Hoover musste, als er 1932 seine Präsidentschaft beendete, durch 10 Nachfolger in den unterschiedlichsten Funktionen vom Ingenieur bis zum Organisator der täglichen Schulspeisungen ersetzt werden – und so eine herausragende Persönlichkeit ist sicher auch die heute geehrte Person, unser neues DGA Ehrenmitglied, Frau Universitäts -Dozentin Dr. Dr. h. c. Ingeborg Hochmair-Desoyer.

Niemand versteht eigentlich, wie sie in nur einem einzigen Leben mit nur 24 Stunden pro Tag das alles schafft:  Sie ist Wissenschaftlerin und Erfinderin, Vorzeigeunternehmerin Österreichs und zugleich  Mutter von vier Kindern sowie Ehefrau eines vielbeschäftigen Universitätsprofessors, der sich auch nicht gerade ständig mit Kindererziehung oder dem Haushalt beschäftigt –

liebe Ingeborg, es ist mir eine große Freude und Ehre, hier die Laudatio für Deine Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie halten zu dürfen, denn Du bis für uns alle mit Deiner Effizienz und Deiner Power ein Rätsel und unerreichbares Vorbild!

Das erste Mal erfuhr ich von ihren Pionier-Arbeiten zu der Entwicklung von Cochlea-Implantaten in Wien Anfang der 80er Jahre, als sie zusammen mit ihrem Mann, Professor Erwin Hochmair, einen Antrag auf Forschungsförderung stellte, den mein damaliger Chef, unser DGA Ehrenmitglied Professor Manfred Schroeder begutachten sollte – was natürlich hieß, daß wir Assistenten erstmal die notwendige Literatur-Recherche durchführen mussten – und Schroeder war natürlich hellauf begeistert!. Unsere Wege kreuzten sich dann beim ersten internationalen Cochlea-Implant-Kongreß in Düren 1987, wo ich ganz zaghaft bei den Hochmairs anfragte, ob sie denn einen Gast aus Deutschland im Rahmen eines Austausches junger Wissenschaftler zwischen Deutschland und Österreich akzeptieren würden. Zu meiner großen Freude und Überraschung sagten sie zu, und so kam ich im Sommer 1988 in den Genuß, für drei Monate im Innsbrucker Institut die sehr fortgeschrittene Technologie-Entwicklung und die absolute Pionierphase der im Jahr 1989 formal gegründeten Firma MedEL miterleben zu dürfen. Dass diese Firma inzwischen über 1.000 Mitarbeiter hat und Ingeborg Hochmairs Karriere immer weiter steil nach oben ging,  weiß heute nicht nur jedes Kind, das von den implantierten Hörsystemen dieser Firma profitiert – nein,  ihr Ruhm strahlt weit über die engeren Fachgrenzen hinaus!

Woher kommt denn nur diese enorme Begabung und Power von Ingeborg Hochmair  Desoyer?  Eine verblüffende Antwort bekam ich von einem in Wiener Universitäts-Kreisen erfahrenen  Kollegen, den ihre Karriere überhaupt nicht überraschte: Sie sei schließlich die Tochter von Frau Dr. Elisabeth und Herrn Professor Kurt Desoyer, dem früheren Ordinarius für Mechanik und Dekan der Fakultät für Maschinenbau der Technischen Universität Wien - und seit Newton gilt in der Mechanik und auch anderswo: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!

Sicher, unser neues Ehrenmitglied der DGA ist aus gutem Holz geschnitzt,  aber erst ihre kongeniale Partnerschaft mit Erwin Hochmair und ihre interdisziplinäre Zusammenarbeit mit aufgeschlossenen Medizinern wie zuerst Professor Burian in Wien legten den Grundstein für ihre außergewöhnliche akademische Karriere:  1976 begann sie im Institut für Allgemeine Elektrotechnik der TU Wien mit dem Diplom und 1979 mit der Dissertation (alles mit Auszeichnung!) sowie einem Forschungsaufenthalt als Fulbright-Stipendiatin  an der Stanford-Universität. Als  Erwin Hochmair  1986 nach Innsbruck berufen wurde, bauten er und Ingeborg dort zusammen mit Clemens Zierhofer und weiteren Mitarbeitern das Institut für Experimentalphysik auf. Ingeborg Hochmairs Habilitation für Medizintechnik  folgte 1998 ebenso wie eine Reihe von akademischen Ehrungen, wie beispielsweise die Exner-Medaille 1996 oder die Ehrendoktorwürde der TU München für beide Hochmairs im Jahr 2004.

Doch die Tatsache, dass Ingeborg Hochmair-Desoyer nicht nur als Wissenschaftlerin, sondern auch als Unternehmerin so erfolgreich ist, verdanken wir– wie so oft im Leben – eigentlich einem Unglück, das sich erst im Nachhinein als Glück entpuppte: Die Firma 3M aus USA, die zunächst das von den Hochmairs entwickelte und 1980 patentierte Cochlea-Implantat auf den Markt brachte, bekam kalte Füße und stellte 1988 kurzerhand die Produktion ein.  Daher sah sich Ingeborg Hochmair-Desoyer gezwungen , das Heft des Handelns selbst zu ergreifen und die Firma MedEL zu gründen – mit riesigem Erfolg: Bereits 1995 wurde Ingeborg Hochmair zur „Unternehmerin des Jahres“ in Österreich gekürt. Eine imposante Reihe von weiteren Auszeichnungen und Nominierungen folgten ebenso wie eine Perlenkette von hervorragenden technologischen Innovationen, die in ihrer Firma unter ihrer Leitung aufgebaut wurden.

Trotz dieser vielfältigen Belastungen als Wissenschaftlerin, Unternehmerin und Familienmanagerin mit vier Kindern hat Ingeborg Hochmair von Anfang an sich für die Deutsche Gesellschaft für Audiologie und die Weiterentwicklung in der Audiologie eingesetzt. So ist sie von 2003 – 2007 Vorstandsmitglied gewesen und ist für jede Sitzung des Vorstands extra aus Innsbruck angereist. Ich kann mich noch sehr gut an die Mitgliederversammlung 2007 in Heidelberg erinnern, liebe Ingeborg, als Du zwar mit gleicher Stimmenzahl wie andere Kollegen in den Vorstand gewählt wurdest, aber zu Gunsten der Repräsentanz eines pädagogischen Audiologen – nämlich unseres derzeitigen geehrten Präsidenten Frans Coninx – auf Deine Wahl verzichtetest – Respekt, Respekt!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, eine Laudatio auf eine ganz besonders bewundernswerte Persönlichkeit wie Ingeborg Hochmair-Desoyer wäre nicht komplett, wenn nicht auch die menschliche Seite von ihr, ihr verbindliches, unprätentiöses Auftreten und ihre pragmatische Fähigkeit zur Entscheidungsfindung  im Team gebührend gewürdigt werden würde. Wer immer sie näher kennt, wird mir sicher beipflichten, dass sie eine aufgeschlossene, liebenswürdige und bescheidene Person ist, der man ihre mannigfaltigen Parallel-Karrieren gar nicht anmerkt. Insofern hoffe ich, daß Sie, meine Damen und Herren mit mir darüber übereinstimmen:

Mit Frau Privatdozent Dr. Dr. hc Ingeborg Hochmair-Desoyer bekommt hier eine Persönlichkeit die DGA Ehrenmitgliedschaft verliehen, die es wirklich verdient hat!

Liebe Ingeborg, herzlichen Glückwunsch für diese Auszeichnung, Du bist die jüngste aller DGA Ehrenmitglieder bisher und ich möchte Dir im Namen aller Audiologen zugleich ganz herzlich für all das danken, was Du bisher an Gutem für das gesamte Feld der Audiologie getan hast. Vielen Dank!

Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier
Erlangen, 9.3.2012

Ernennung: 2014 in Oldenburg

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Kießling

Für alle, vor allem für die jüngeren Kolleginnen und Kollegen, die Jürgen Kießlings beruflichen Werdegang und Lebensweg nicht so wie ich und seine langjährigen Freunde und Kollegen miterleben und mit verfolgen durften, möchte ich gerne eine kurze Zeitreise durch seine Vita vornehmen:

Jürgen Kießling wurde 1947 in Bad Arolsen geboren. 1968-1975 studierte er Physik an der Justus-Liebig-Universität  in Gießen und schloss dieses Studium mit der Promotion in der Festkörperphysik zum Dr.rer.nat. ab. Thema seiner Promotion war: “Thermisch stimulierte Prozesse an dotierten Calciumfluorid-Kristallen”. Wie viele von uns nicht ursprünglich in der Medizin ausgebildete Audiologen hatte auch Jürgen Kießling den Wunsch und „die Motivation, in ein Fach weg von der abstrakten Grundlagenforschung  zu wechseln, und eine Tätigkeit auszuüben, deren Nutzen und Wirkung für ihn unmittelbar und täglich einsichtig ist“ ( Originalton J. K. ) . Dementsprechend war sein Wechsel in die Medizin als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Hals-Nasen-Ohrenklinik der JLU Gießen, Direktor: Prof . Dr. med. K. Fleischer, mehr als folgerichtig und letztlich Ausgangspunkt einer jahrzehntelangen Karriere zu einem der führenden und anerkanntesten Audiologen in Deutschland . 1982 erlangte er die Venia  Legendi  für das Fach Audiologie mit einer Habilitationsschrift zum Thema “Hörgeräteanpassung auf der Grundlage objektiver audiometrischer Verfahren”.  Übrigens auch heute noch eine Herausforderung an uns Audiologen, die diesen Themenkomplex in ihrem wissenschaftlichen und klinischen Alltag vor allem im Hinblick auf die Hörgerätefrühversorgung bei Kleinkindern erforschen. Damals war eine Habilitation zum Audiologen für Nichtmediziner noch aufwendig und  schwierig.  Dementsprechend gab es Anfang der 80er Jahre in der damaligen Bundesrepublik meines Wissens nur 5 aus der Nichtmedizin stammende habilitierte Audiologen. Wir beide konnten 1981/82  diesen Kreis vergrößern! Nun, lieber Jürgen, wir hatten aber  beide auch  großes Glück mit unseren damaligen Chefs, die uns immer gefördert und unsere Habilitationsbemühungen mit getragen haben! So war es folgerichtig, dass Prof. Fleischer Dir bereits 1982  die Geschicke der Audiologie anvertraut hat und Du zum Leiter des Funktionsbereichs Audiologie an der JLU Gießen berufen wurdest.

1989 wurde J.K. zum apl.-Professor ernannt und ist seit 1996 C3-Professor für Audiologie an der JLU Gießen. Wir drücken Dir alle Daumen, dass dieser wichtige und durch Dich so hervorragend aufgestellte  Funktionsbereich und die damit verbundene Professorenstelle auch für die Zukunft erhalten bleiben, um das fortzusetzen, was Du in fast 40 Jahren aufgebaut und betreut hast!  Bereits 1982 erlangte J.K. die Fachanerkennung zum Medizinphysiker  ( Fachrichtung Audiologie ) durch die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik ( DGMP ) und ab 1985 die entsprechende Weiterbildungsermächtigung. Jüngerer Kollegen sollten sich überlegen, ob diese Zusatzqualifikation  nicht eine Bereicherung  für ihre Tätigkeit sein könnte! Wir älteren Medizinphysiker würden entsprechende Bemühungen  begrüßen!

Als Mitglied oder Vorsitzender zahlreicher nationaler und internationaler wissenschaftlicher Fachgesellschaften ( Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Audiologen, Neurootologen und Otologen ( ADANO )- als Stellvertretender  Vorsitzender von 1993-1995, Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde  Kopf- und Hals-Chirugie, Deutsche Gesellschaft für Medizinische Physik, Deutsche Gesellschaft für Audiologie (als  Gründungsmitglied), European Federation of Audiology Societies ( EFAS )- als Voting Representative der DGA von 1995-2007, International Society of Audiology,  International Collegium of Rehabilitative Audiolgy ( ICRA )-als Gründungsmitglied und deren Vorsitzender von 1991-1995) hat Jürgen Kießling zahlreiche Fortbildungen und wissenschaftliche Kongresse organisiert und geleitet:

1988 Gründungsversammlung der ICRA in Gießen, 1999 1. Symposium  “European University Education in Audiology” der EFAS in Gießen, 2001 3. Eriksholm Workshop “Candidature for and delivery of audiological services: special needs of older people“ in Helsingör, 2002  CRS-Konferenz „ Erfolgsbewertung durch Frageninventare in Audiologie und Otologie“ in Salzburg sowie Mitorganisator des 6. Hearing Aid Developers Forum 2013 in Oldenburg!

Die Basis für diese vielfältigen und inhaltlich anspruchsvollen Aktivitäten hat J.K.  bereits sehr  früh im Rahmen seiner breit aufgestellten audiologischen Forschung geschaffen. So konnte er diese 1986 durch einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt als Gastdozent an mehreren Universitäten in den USA u.a an der Ohio State University, der Florida State University ,der Michigan State University und der Central Michigan University ausbauen.  Von den ersten wissenschaftlichen Aktivitäten zeugt seine umfassende Publikationsliste, die bereits 10 Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit in der Audiologie 45 Fachartikel und zahlreiche Fachvorträge im In-und Ausland  ausmachte. Bis heute hat J.K. sich mit über 300 Fachartikeln und über 500 Fachvorträgen in der nationalen und internationalen Audiologie einen Namen gemacht.  

Als ein Publikations- Highlight kann das von ihm als federführenden Autor  zusammen mit B. Kollmeier und G. Diller herausgegebene Fachbuch „ Versorgung und Rehabilitation mit Hörgeräten“, erschienen im Thieme Verlag,  angesehen werden. Dieses Werk sollte in keiner Bibliothek all derer fehlen, die sich mit dem breiten Feld der Hörgeräteversorgung beschäftigen! Für seine Verdienste auf dem Gebiet der Hörgeräteversorgung  erhielt J.K. 1988  die goldene Ehrennadel der Union Deutscher Hörgeräteakustiker und 1996 den Förderpreis der Forschungsgemeinschaft Deutscher Hörgeräteakustiker. Seit 2000 gestaltet und prägt er als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der EUHA-Kongresse deren wissenschaftlichen Inhalte . Bereits 1996 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft der Belgischen Gesellschaft für Audiologie verliehen!

Seit 1991 ist J.K. Teilprojektleiter in zahlreichen nationalen und internationalen Verbundforschungsvorhaben auf den Gebieten Sprachaudiometrie, Hörflächenskalierung, Hörgeräteanpassung und Hörgerätetechnologie, gefördert durch verschiedene Bundesministerien und die Europäische Kommission. In diesem Zusammenhang möchte ich, der an vielen dieser Forschungsvorhaben mit unserer Kölner Arbeitsgruppe beteiligt war, unterstreichen, das die Gießener Kollegen um J.K. immer hochmotivierte und  immer ansprechbare Partner waren, die in den vielen Projekten zusammen mit der Oldenburger Arbeitsgruppe  bewiesen, dass auch kleinere Forschungseinrichtungen wie in Gießen oder in Köln einen hohen national und international anerkannten Output haben!

Jedes Mitglied der DGA erhält regelmäßig die Zeitschrift für Audiologie mit wissenschaftlichen Publikationen und mit Mitteilungen der DGA. Seit 1998 fungiert J.K. als Schriftleiter dieser Zeitschrift, nachdem er als Mitglied des Redaktionsgremiums der Vorgängerzeitschrift “Audiologische Akustik“ durch seine nimmermüde  Akquisition von wissenschaftlichen Beiträgen aus den Reihen der Audiologen und deren Nachbardisziplinen  den Bestand dieser Zeitschrift mit gewährleistet hat. An dieser Stelle unser aller Dank für deine Bemühungen um unsere Zeitschrift und die Bitte an alle Kolleginnen und Kollegen, auch in deinem Namen, sich aktiver mit entsprechenden Beiträgen  einzubringen!  J.K. ist  Redaktionsmitglied der HNO-Nachrichten und war dies bis vor einigen Monaten auch für die Folia Phoniatrica. Er ist Reviewer für zahlreiche nationale und internationale Zeitschriften!

Lieber Jürgen, als  langjähriger Freund und Kollege und im Namen aller Anwesenden möchte ich dir ganz herzlich zu dieser Auszeichnung gratulieren, die du durch dein jahrzehntelanges  intensives wissenschaftliches und klinisches Wirken sowie dein vielfältiges  Engagement für unser Fachgebiet zu recht erhältst. Für die weiteren Lebensjahre wünschen wir dir viel Freude an deinem Beruf und auch danach  weiterhin ausfüllende und interessante Tätigkeiten und Erfahrungen bei bester Gesundheit. Bleib der Audiologie und deinen Kollegen und Freunden  gewogen, nimm dir  Zeit für dein privates Umfeld  zusammen mit deiner lieben Ehefrau Helga und deinen Enkeln. Carpe Diem!

Prof. Dr. Hasso von Wedel
Oldenburg, 14. März 2014

Ernennung: 2015 in Bochum

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Prof. Dr. Ulrich Eysholdt

Es ist mir eine ganz besondere Freude, heute Dich, lieber Uli, zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Audiologie ernennen zu dürfen. Für einen langjährigen Schüler ist das auch eine besondere Ehre.

Audiologische Forschung ist nur multidisziplinär und interdisziplinär möglich. Ulrich Eysholdt verkörpert dies in seiner Person mit seiner naturwissenschaftlichen und medizinischen Ausbildung wie nur wenige, und er zeigte somit, dass „interdisziplinär“ nicht heißt, „zwischen den Stühlen zu sitzen“, sondern unterschiedliche Disziplinen zu vernetzen und dadurch voran zu bringen.

Ich möchte kurz auf das wissenschaftliche Leben eingehen: Uli Eysholdt hat in Göttingen Physik und Medizin studiert und war seit 1971 Mitarbeiter von Manfred R. Schroeder im Dritten Physikalischen Institut, dem Institut für Angewandte Physik, das als Schwerpunkt Akustik und Schwingungsphysik hatte.

Zunächst beschäftigte er sich in seiner Diplomarbeit 1973 mit der Wellenausbreitung auf der Basilarmembran und promovierte drei Jahre später bei ihm über die Akustik in Konzertsälen. Parallel dazu absolvierte er 1975 das Staatsexamen in Medizin und seine Promotion bei Adolf Miehlke.

Mit dieser Doppelqualifikation begann er seine HNO-Facharztausbildung in der Göttinger HNO-Klinik. Dort wurde er von einem Oberarzt begrüßt: „Wir brauchen hier keine Leute, die denken, sondern welche, die arbeiten.“ – also „Operieren“ statt „Denken“.

Dennoch stellte er einen Großgeräteantrag und verschaffte so der Klinik den ersten Hochleistungsrechner (DEC PDP11/34). In Kooperation mit anderen audiologischen Kollegen (Wolfgang Döring, Manfried Hoke, Bernd Lütkenhöner, Jürgen Kießling, Christoph Schreiner) entwickelte er die „schnelle BERA“ auf der Basis von Maximalfolgencodes, über die er sich 1984 habilitierte. Er wechselte in die Phoniatrie und übernahm in Göttingen die Logopädenausbildung und wurde 1990 nach Erlangen auf die Professur für Phoniatrie und Pädaudiologie berufen.

Hier baute er die Forschung weiter aus und trieb die Kooperation mit der leistungsstarken Technischen Fakultät Erlangen voran und wurde Zweitmitglied der Technischen Fakultät. Diese äußerst fruchtbare Zeit führte zu 25 naturwissenschaftlichen und technischen Dissertationen, über 100 medizinische Dissertationen und 10 Habilitationen. Im relativen Drittmittelranking der Medizinischen Fakultät war die Abteilung immer unter den ersten Plätzen zu finden. Die zahlreichen Preise an ihn und die Arbeitsgruppe will ich hier nicht aufführen.

Als Mitglied Nummer fünf war Ulrich Eysholdt Mitglied im Gründungsvorstand der DGA. Sein Schwerpunkt entwickelte sich mehr in Richtung stimmphysiologische Forschung. Dennoch war er stets bemüht, das Verbindende der verschiedenen Fachgesellschaften wie DGPP, UEP, DGA und IAPA in den Vordergrund zu stellen. In seiner langjährigen Arbeit in den DFG Fachkollegien „Klinische Neurowissenschaft“, „Klinische Medizin“ und „Medizintechnik“ brach er für die Audiologie so manche Lanze.

Nun erlauben sie mir noch einen kurzen Blick auf den privaten Uli Eysholdt. Sein Humor ist subtil und nicht jedem zugänglich. Gerne erläutert er, wenn er sich jemanden vorstellt, die die Schreibweise seines Namens mit der Bemerkung EYSHOLDT – wie jemand, der EIS HOLT.

Seine Konferenzbesuche begründeten sich früher manchmal nicht unbedingt nach den Themen, sondern eher danach, ob ein interessanter Fluss in der Nähe war. Als besessener Wildwasserfahrer hat er eine Reihe halsbrecherische Erfahrungen auf fünf verschiedenen Kontinenten überlebt. Als Ausgleich dazu frönte als Cellist seinem Hobby Kammermusik. Die Nebentätigkeit als Aushilfscellist am Nürnberger Opernhaus musste er allerdings nach einer Spielzeit wieder aufgeben. So viel Zeit blieb ihm neben Audiologie, Phoniatrie, Klinik, Forschung und Lehre nicht mehr.

Im September 2014 wurde U. Eysholdt emeritiert und begleitet nun als Senior-Professor dabei, den Modellstudiengang „European Medical School“ in Oldenburg. Dort kümmert er sich um die engere Verzahnung zwischen Klinik und Forschung und vielleicht auch zwischen Audiologie und Phoniatrie.

Ulrich Hoppe
Bochum, 6. März 2015

Ernennung: 2016 in Hannover

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an
Dr. Ing. Wolfgang Döring

Wolfgang Döring gehört zu der Generation von Ingenieuren und Physikern, die in den 1970er Jahren in zunehmender Zahl  in den deutschen HNO-Kliniken tätig wurden. Es gab zwar damals schon einige wenige Exemplare dieser zunächst seltenen Spezies, doch vor dem Hintergrund der zunehmenden Technisierung der Audiologischen Diagnostik und Rehabilitation mit den neueren Schwerpunkten Impedanzmessung,  ERA,OAE, Hörgeräteversorgung und später der Einführung der Cochlea -Implantate entwickelte sich  an den HNO-Kliniken ein rasch wachsender Bedarf an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern.

Für diejenigen, die die bereits etwas zurückliegenden  Geburtstagsgrüße  zu seinem  50. , 60.und 65 Geburtstag in der Hörakustik bzw. in der Zeitschrift für Audiologie vergessen oder  nicht gelesen haben, hier nochmals eine kurze Zeitreise durch Wolfgang Dörings Vita:

Wolfgang Döring wurde am 19. April 1948 in Darmstadt geboren, wo er auch sein Studium der Elektrotechnik 1974 mit dem Diplom abschloss. Von 1974 bis 1975 folgten verschiedene Forschungstätigkeiten und Lehraufträge in Darmstadt und Bochum. 1975 nahm er dann die Tätigkeit auf, die für seinen weiteren Lebensweg  prägend sein sollte: als wissenschaftlicher Assistent an der HNO-Klinik der RWTH Aachen, dessen überaus angenehmer  Chef damals Prof. Schlöndorf war.

Er übernahm dort sehr erfolgreich und engagiert  den Aufbau  und die Leitung des audiologischen Funktionsbereichs. 1981 erfolgte die Promotion zum Dr.-Ing an der TH Darmstadt. 1986 etablierte er zusammen mit seinen Kollegen der HNO-Heilkunde, der Phoniatrie und Pädaudiologie und der Gehörlosen-und Schwerhörigenpädagogik eine multidisziplinäre Cochlea-Implant- Arbeitsgruppe, die als eines der ersten CI-Zentren in Deutschland schnell höchste Anerkennung  erlangte.

Aber nicht nur um die Aachener Audiologie hat sich Wolfgang Döring umfassende Verdienste erworben, sondern auch auf nationaler und internationaler Ebene. So wurde er schon sehr früh in die ADANO berufen.  Damals tatsächlich noch eine echte „Berufung“, im Rahmen derer er in zahlreichen Kommissionen z.B. in der Kommission für Hörgeräteversorgung und in der Arbeitsgruppe AG-ERA  außerordentlich aktiv war. Selbstverständlich gehörte er 1996 auch zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Audiologie, in der er über viele Jahre erst als Schriftführer ,später als Schatzmeister sehr aktiv war. Darüber hinaus hat sich Wolfgang Döring als Leiter der ITG-Fachgruppe „ Audiologische Akustik „ und als Mitglied weiterer Fachgesellschaften und Arbeitsgruppen wie der IERASG und der Dtsch. Ges. für HNO-Heilkunde immer wieder und sehr intensiv um die interdisziplinäre Verbindung zu anderen Fachgesellschaften wie der ITG, der DEGA und der  DGMP verdient gemacht.

1987 wurde er Mitglied des Redaktionsgremiums unserer Fachzeitschrift, deren Bestand und Wirken er zusammen mit anderen bekannten Audiologen mitbestimmte.  1995 erfolgte die Fachanerkennung zum Medizinphysiker/Audiologie der DGMP.  Seit 1988 hat er in enger Zusammenarbeit mit Forschungsgruppen in Erlangen, Gießen, Kiel, Köln, Magdeburg, Hannover und Oldenburg  verschiedene Drittmittelprojekte zu verschiedenen Themen der Audiologie  geleitet oder mit betreut. Diese und andere nationale und internationale  Aktivitäten unterstreichen, dass Wolfgang Döring immer eine breite und umfassende Kooperation mit vielen Kollegen auch aus anderen Fachdisziplinen anstrebte, um auf dieser Basis innovative Konzepte für die audiologische Forschung und die klinischen Anwendungen in der Audiologie zu entwickeln und umzusetzen! Weit über 100 Publikationen in anerkannten Zeitschriften und annähernd 200 Vorträge im In- und Ausland belegen eindrucksvoll sein wissenschaftliches Engagement.

Es würde den Rahmen sprengen, alle weiteren Verdienste und Ehrungen wie z.B. die Auszeichnung mit dem Förderpreis der NTG, heute ITG, die Wolfgang Döring bis auf den heutigen Tag erworben hat, hier aufzuführen. Das hieße auch Eulen nach Athen tragen, denn angesichts seines Bekanntheitsgrads im In-und Ausland, sind die audiologische Kompetenz und die integre Persönlichkeit Wolfgang Dörings allseits anerkannt.

Was seine fachlichen Aktivitäten nach seinem Eintritt in den Ruhestand vor knapp 3 Jahren angeht so hat Wolfgang Döring noch engen Kontakt zum Institut für Technische Akustik an der RWTH Aachen und hält dort Gastvorlesungen in Medizinischer Physik. Gleichzeitig hat er noch einen Lehrauftrag an der Med. Fakultät für den Bachelor-und Masterstudiengang der Lehr-und Forschungslogopädie und ist auch noch Dozent an der Schule für Logopädie. Weiterhin ist er noch in verschiedenen Fachausschüssen der DGA, der ITG und der DEGA sowie in den Normierungsgremien des DKE tätig! Diese Aufgaben belegen, dass Wolfgang Döring noch lange nicht in den tatsächlichen Ruhestand treten wird!

Trotz seiner vielfältigen fachlichen Aktivitäten nimmt Wolfgang Döring sich zunehmend mehr Zeit für seine vielfältigen Hobbys wie den Tanzsport, das Skilaufen und als Fluglehrer für das Segelfliegen. Mit seiner liebenswerten Ehefrau Gerti und den beiden Söhnen , die beide inzwischen beruflich sehr erfolgreich sind und ihre Eltern zu dreifachen Großeltern gemacht haben, genießt er auch weiterhin das bunte Familienleben, das er und Gerti nur dann unterbrechen, wenn bei beiden das Fernweh ausbricht und sie erlebnisreiche Aufenthalte in Afrika, Südamerika, Australien, Indien und demnächst in China unternehmen.

Dir, lieber Wolle wünschen wir alle für die nächsten Lebensjahre viele interessante Tätigkeiten und Highlights, nicht nur im Rahmen der Fortsetzung deiner fachlichen Aktivitäten sondern vor allem auch in deinem privaten Umfeld. Nimm Dir dafür viel Zeit, bleibe gesund und bleib unserer audiologischen Familie, vor allem deinen Freunden, weiterhin gewogen!

Carpe Diem!

Prof. Dr. Hasso von Wedel
Bochum, 2016

Ernennung: 2017 in Aalen

Laudatio zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft für Audiologie an Prof. Dr. Rudolf Probst

In dieser kleinen Rede geht es um große Ehre, und zwar in zweifacher Hinsicht: In erster Linie um die Ehrenmitgliedschaft für eine herausragende Persönlichkeit unseres Faches – und dann um die Ehre (und auch Freude) für den Laudator, zu diesem würdigen und feierlichen Anlass ein paar Worte beitragen zu dürfen.

Ohne Zweifel ragt Prof. Dr. Rudolf Probst unter den Ordinarien für HNO-Heilkunde im fachlichen und geographischen „Einzugsgebiet“ der DGA durch ein besonders intensives und darüber hinaus erkennbar leidenschaftliches Engagement für audiologische Fragestellungen und Belange heraus. Er ist daher in der hier versammelten Gemeinschaft mehr als nur gut bekannt.

Nach der im Jahr 1970 in Luzern abgelegten Matura absolvierte Rudolf Probst seine Aus- und Weiterbildung in Basel mit Arztdiplom im Jahr 1977 und Promotion zum Dr. med. im Jahr 1979. Seiner zunächst von 1980 bis 1983 währenden Tätigkeit in der Kopf- und Hals-Chirurgie am Departement für Otorhinolaryngologie des Universitätsspitals Basel schloss Rudolf Probst ein zwei Jahre währendes Research Fellowship am Department of Otorhinolaryngology and Communicative Sciences des Baylor College of Medicine in Houston, USA an. Danach kehrte er ans Universitätsspital Basel zurück, wo er von 1985 bis 1991 als erster Oberarzt in der Kopf- und Halschirurgie des Departements für Otorhinolaryngologie tätig war. Im Jahr 1988 habilitierte Rudolf Probst mit einer Habilitationsschrift über Otoakustische Emissionen, 1991 wurde er Chefarzt und schließlich, nach der Emeritierung von Prof. C.R. Pfaltz, Ordinarius und Vorsteher des Departements Otorhinolaryngologie des Universitätsspitals Basel.

Rudolf Probst machte sich als Otologe einen Namen, der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt war und es auch heute noch ist. In seiner Baseler Zeit schuf er große Arbeiten zu den Otoakustischen Emissionen, darunter zahlreiche und viel beachtete Übersichtsartikel u.a. mit Frances Harris, Brenda Lonsbury-Martin und Glen Martin. An der Basler Klinik baute er die cochleäre Forschung auf und führte im Basler CI-Zentrum ab 1986 die ersten Cochlea-Implantat-Operationen durch. Hand in Hand mit dem CI-Projekt gingen die Bemühungen um die Früherkennung kindlicher Hörstörungen. Sie führten zur Einführung des routinemäßigen Neugeborenen-Hörscreenings in der Schweiz. Professor Probst engagierte sich stark für die Bedürfnisse von Menschen mit einem Gehördefizit, so auch als langjähriger Präsident der eidgenössischen Kommission für Audiologie und Expertenwesen.

Mit der Berufung als Ordinarius an die Universität Zürich im August 2006 übernahm Rudolf Probst die Direktion der Klinik und Poliklinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichts-Chirurgie (ORL) des Universitätsspitals Zürich. Durch diesen Wechsel erfuhren Spektrum und Niveau seiner klinischen und wissenschaftlichen Betätigung eine weitere Steigerung. Rudolf Probst führte die Klinik bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2015, gehört ihr aber weiterhin als part-time academic associate an. Somit behält seine Stimme auf absehbare Zeit ihr Gewicht, auch in zahlreichen wissenschaftlichen Fachgesellschaften und deren Gremien und Komitees sowie in vielen Funktionen und Institutionen als Wissenschaftlicher Beirat, Schriftleiter, Gutachter und Reviewer.

Die Publikationsleistung von Rudolf Probst umfasst bis heute 133 begutachtete Originalarbeiten, 14 Bücher und Buchbeiträge sowie über 250 eingeladene Vorträge. Nichts spricht dafür, dass dies die endgültige Bilanz bleiben wird. Viele Zeitgenossen schätzen ihn als außergewöhnlich scharfen und brillanten Denker und als konzentrierten Vortragenden, dem jeder gerne und aufmerksam zuhört – weil man immer sicher sein kann, dass es sich lohnt. Charakteristisch sind sein fein- und scharfsinniger Humor sowie die Diplomatie seiner Diskussionskultur. Unvergessen ist für viele Kollegen wie auch für den Autor dieser Zeilen eine von ihm geleitete Podiumsdiskussion bei der DGA-Tagung 2008 in Kiel über die Versorgung der auf ein Ohr beschränkten Taubheit. Hier artikulierte Rudolf Probst Standpunkte, mit denen zwar nicht alle Hörer einverstanden waren, die aber Vielen in positiver Erinnerung geblieben ist als ein Denkanstoß, dass eine Behinderung sehr viel mehr ist als dass irgendetwas nicht da ist oder nicht funktioniert.

Abseits von HNO-Heilkunde, Otologie und Audiologie widmet Rudolf Probst sich sportlichen Aktivitäten – und zwar nicht nur intensiv, sondern auch sehr erfolgreich: Er ist ein ausgesprochen guter Läufer und hat in der Jährlichen Meisterschaft der Uni Zürich regelmäßig hervorragende Plätze belegt, ebenso wie auch im Skilaufen. Eine gesundheitsfördernde Lebensführung dieser Art ist nicht Bedingung für eine Ehrenmitgliedschaft, sie festigt aber die Hoffnung darauf, dass die Audiologie im Allgemeinen und die DGA im Besonderen noch lange an den Kenntnissen und Erfahrungen des Ehrenmitglieds teilhaben darf.

Lieber und verehrter Rudolf, obwohl ich Deinen Vornamen immer in der vollständigen Form zu verwenden pflege, muss ich hier um des Wortspiels willen darauf hinweisen, dass meine Würdigung von Rudi Probst nicht anders als Rudi-mentär sein kann. Diese Laudatio hat vielleicht ein etwas anderes Format als üblich – aber genauso wollte ich sie Dir zum Geschenk machen. Sie wird nicht zur Diskussion freigegeben!

Sebastian Hoth, Heidelberg
Aalen, 2017